Inklusives Segeln: Adaptive Bootsklassen

Auf den ersten Blick scheint das Segeln für Menschen mit körperlichen Einschränkungen eine schwierige Sportart zu sein – erfordert sie doch vermeintlich viel Beweglichkeit und zugleich Stabilität an Bord. Doch die meisten Handicaps können inzwischen technisch auf verschiedenen Bootstypen für inklusives Segeln ausgeglichen werden. Segeln ist so zu der Sportart mit dem wohl größten Inklusionspotenzial überhaupt geworden. 

Bootstypen inklusives Segeln: RS Venture
Bootstypen für inklusives Segeln, hier ist die RS Venture zu sehen. Foto: RS Sailing

Hier stellen wir Ihnen verschiedene Kieljollen vor, die Seglerinnen und Seglern mit und ohne Handicap gleichermaßen nutzen können. Durch diesen flexiblen Einsatzbereich sind sie auch für die Vereinsarbeit attraktiv. Vereinsmitglieder, deren Kraft und Beweglichkeit schlicht durch das Alter nachlässt, finden in diesen Bootsklassen womöglich eine gute Alternative.

Die offenen Kieljollen bieten Adaptionsmöglichkeiten bei zum Beispiel Sitzen, Sitzpositionen, der Bedienung von Schoten oder der Steuerung. Mit vergleichsweise wenig Aufwand kann das Boot an die jeweiligen Fähigkeiten des Sportlers angepasst werden. Menschen mit verschiedensten körperlichen Handicaps können das Segeln also lernen, genießen und an Regatten teilnehmen – allein, zu zweit oder in größeren Teams an Bord.

Wer inklusives Segeln im Verein anbieten möchte, muss nicht zwingend neue Boote kaufen.

Es geht auch anders: Viele vereinseigene Trainingsboote lassen sich anpassen und so einsetzen. Zudem gibt es inzwischen einen durchaus interessanten Gebrauchtbootmarkt.

Zusätzlich eignen sich als inklusive Boote auch zum Beispiel die Hansa 2.3, Hansa 303, Weta (Trimaran), BM-Jolle oder die Nachfolger Polyvalk und Falcon.

Für Sportlerinnen und Sportler mit geistigen (und stärksten körperlichen) Beeinträchtigungen bieten sich grundsätzlich eher Boote an, bei denen beispielsweise Seglerinnen und Segler mit und ohne Behinderung gemeinsam an Bord sind. Dazu gehören neben den hier aufgeführten auch alle größeren Yachten und Boote, die ausreichend Platz an Deck bieten.

Bootstypen für inklusives Segeln im Überblick

2.4mR

Bootstypen inklusives Segeln 2.4mR
Die 2.4mR gehört zu den Klassiker-Bootstypen für inklusives Segeln. Menschen mit und ohne Behinderung segeln in dieser Klasse gegeneinander. Foto: Franziska Ehrmann

Einhand-Kieljolle, die nach ihrem Vermessungswert benannt wurde. Der Zwei-Punkt-Vierer bietet jede Menge Adaptionsmöglichkeiten (unter anderem Steuerung über Fußpedal oder Handsteuerung), sodass Menschen mit und ohne Behinderung vergütungsfrei und chancengleich in einer offenen Klasse gegeneinander segeln können. Viel genutztes Boot bei nationalen und internationalen Meisterschaften und Regatten. Bis 2016 Paralympische Bootsklasse. Stark wachsende Bootsklasse weltweit – insbesondere in Deutschland.

  • Zielgruppe: alle Menschen, die bereits segeln, aber auch Anfänger. Als Ausbildungsboot in Kombination mit einem Motorboot gut geeignet.
  • Maße: 4,18 cm lang, 81 cm breit, 254 kg mit Bleigewichten und Segeln
  • Eigenschaften: unsinkbar, kentersicher, trailerbar, langlebig, für Anfänger leicht zu segeln, anspruchsvoll als Regattaboot
  • Kosten: neu ab 13.000 Euro exkl. Segel, es gibt einen florierenden Gebrauchtmarkt.
  • Konstrukteur und Vertrieb: 1983 von den Skandinaviern Odd Linnquist, Peter Norlin und Hákan Södergren entwickelt, Vertrieb und Bootsbauer siehe Klassenvereinigung 2.4mR, www.2punkt4.de/bootsbauer/
  • Klassenvereinigung:  www.2punkt4.de 

RS Venture Connect

Bootstypen Inklusives Segeln RS Venture Connect
Eine Teilnehmerin der Para World Championships 2018 mit ihrem RS Venture Connect. Auf diesem Bootstyp segeln zwei Menschen gemeinsam. Foto: RS Sailing

Zweihand-Kieljolle, in der zwei Sitze nebeneinander liegen. Eignet sich für Teams aus aktivem und weniger aktivem Segler (Jung und Alt, erfahrener Segler/Anfänger, mit/ohne Handicap), aber auch für zwei Sportlerinnen und Sportler mit körperlicher Behinderung. Viele Konfigurationsmöglichkeiten (z.B. Schotführung, Sitzposition, Steuerung per manuellem oder elektrischem Joystick). Der RS Venture Connect war zum Beispiel als Inklusionsboot bei der Parasailing-WM im Einsatz. Großer Vorteil für Vereine: Man kann mit geringem Aufwand die Sitze und das Zentralpult ausbauen sowie die Steuerung umbauen, so dass das Boot jederzeit auch als gewöhnliches Boot genutzt werden kann. Mit Gennaker segelbar.

  • Zielgruppe: Zweierteams, in der Regel aktive und weniger aktive Segler gemeinsam im Boot, gutes Ausbildungsboot. Regattatauglich.
  • Maße: 4,90 Meter lang, 2 Meter breit, 390 kg mit Bleigewichten und Segeln
  • Eigenschaften: unsinkbar, kentersicher, segelbar mit bis zu sechs Personen
  • Kosten: ab ca. 20.000 Euro
  • Konstrukteur und Vertrieb: RS Sailing Deutschland GmbH www.rssailing.com/de/
  • Klassenvereinigung: www.rs-kv.de

S/V 14

Zweihand-Kieljolle, in der zwei Segler hintereinander sitzen. Alle Bedienelemente können nach hinten auf die Steuerfrau oder den Steuermann gelegt, alternativ aber auch auf beide Positionen verteilt werden. Die Steuerung erfolgt über einen Lenker wie bei einem Fahrrad. Um einer Krängung entgegenzuwirken, sind die Sitzschalen elektronisch verstellbar (Neigung bis zu 20 Grad). Die S/V 14 kann mit Gennaker gesegelt werden. Vorteil: Die S/V 14 ist vergleichsweise günstig in der Anschaffung und in Vereinen flexibel einsetzbar für verschiedenste Teams.

  • Zielgruppe: alle Menschen, die gemeinsam segeln möchten, mit und ohne Einschränkung. Als Ausbildungsboot gut geeignet, Segelschüler und Segellehrer sitzen gemeinsam an Bord. Regattatauglich (wachsende Regattaszene in Deutschland)
  • Maße: 4,39 m lang, 1,59 m breit, 300 kg mit Bleigewichten und Segeln
  • Eigenschaften: unsinkbar, kentersicher, trailerbar
  • Kosten: neu um 10.000 Euro inkl. Segel
  • Konstrukteur und Vertrieb: 2015 konzipiert von den Niederländern Simonis/Voogd in Zusammenarbeit mit Peter Jacobs – der querschnittgelähmte Südafrikaner hatte die Entwicklung über Facebook angeschoben. Der Vertrieb läuft weiter über die Niederländer (www.sv14.org), gebaut wird die Jolle inzwischen bei FAREAST Yachts (China).
  • Klassenvereinigung: www.sv14class.com (Seite im Aufbau)

Sonar

Mehrhand-Kieljolle, die bis 2016 bei den Paralympischen Spielen von drei Athletinnen und Athleten mit unterschiedlichen Behinderungsgraden gesegelt wurde. In der Regel sind vier Seglerinnen und Segler an Bord. Geräumiges Cockpit, hohes Adaptionspotential. Kann mit Spinnaker gesegelt werden. In Deutschland eher selten im Einsatz.

  • Zielgruppe: alle Menschen, die gemeinsam segeln möchten, mit und ohne Einschränkung. Als Ausbildungsboot gut geeignet.
  • Maße: 7 m lang, 2,4 m breit, 950 kg mit Bleigewichten und Segeln
  • Eigenschaften: unsinkbar, kentersicher, trailerbar
  • Kosten: schwankend, siehe Gebrauchtmarkt unter anderem auf der Seite der KV
  • Konstrukteur und Vertrieb: 1979 von Bruce Kirby entworfen.
  • Klassenvereinigung: www.sonar.org Internationale Klassenvereinigung

SKUD 18

Zweihand-Kieljolle, die speziell für den Regattasport konstruiert worden ist. SKUD ist ein SK iff von U niversal D esign, die Seglerinnen und Segler sitzen meistens hintereinander in festen Schalen in der Mitte des Bootes. Das Boot ist für einen Gennaker ausgerüstet. Viele Adaptionsmöglichkeiten. Bis zu drei Menschen ohne Handicap können den SKUD 18 auch ohne Sitze und mit Trapez segeln. Bis 2016 Paralympische Bootsklasse. In Deutschland eher selten im Einsatz.

  • Zielgruppe: alle Menschen, die leistungsorientiert segeln möchten, mit und ohne Einschränkung.
  • Maße: 5,8 m lang, 2,29 m breit, 400 kg mit Bleigewichten und Segeln
  • Eigenschaften: unsinkbar, kentersicher, trailerbar
  • Kosten: schwankend, siehe Gebrauchtmarkt unter anderem auf der Seite der KV
  • Konstrukteur und Vertrieb: Access Sailing
  • Klassenvereinigung: www.hansaclass.org Internationale Klassenvereinigung

Weitere Informationen des DSV zur Inklusion

Sie interessieren sich für inklusives Segeln im Verein? Dann sind sicher auch unsere Best Practice-Beispiele aus DSV-Mitgliedsvereinen für Sie interessant: Vereinsvertreterinnen und -vertreter beschreiben, wie sie inklusives Segeln praktizieren, welche Schwierigkeiten sie überwunden haben und worauf sie stolz sind.  Hier geht es zur Übersicht.