DAS GUTE GEFÜHL DES PHILIPP BUHL: WIE DER WM-TITEL DEUTSCHLANDS ERSTEN LASER-WELTMEISTER TRÄGT

Philipp Buhl

Wahrscheinlich können nur Weltmeister das Gefühl wirklich verstehen, das Philipp Buhl seit dem 16. Februar 2020 in sich trägt wie einen Schatz. Und dieses Gefühl wird, so beschreibt es der Laser-Steuermann selbst, mit der Zeit immer schöner und wertvoller. Der Allgäuer Top-Akteur des German Sailing Teams genießt seit seinem goldenen Triumph bei der Laser-Weltmeisterschaft im australischen Revier von Melbourne eine tiefempfundene innere Zufriedenheit. Mit der WM-Krone hat er nicht nur sich selbst, sondern auch die Kameraden in der Segel-Nationalmannschaft beflügelt. Im Alter von 30 Jahren hat Buhl damit eines seiner beiden großen Ziele erreicht, von denen er seit seiner Jugendzeit träumt: den WM-Sieg. Das zweite Ziel – die olympische Medaille – hat er jetzt im Visier.

Dass die Olympischen Spiele im Corona-Jahr von 2020 auf 2021 hatten verschoben werden müssen, hat Philipp Buhl (Norddeutscher Regatta-Verein) weniger getroffen als andere. „Meine innere Generalzufriedenheit, die sich mit dem WM-Sieg eingestellt hat, die hat mir in diesem Jahr sehr geholfen“, sagt der Mann, der im kleinen Ort Berghofen bei Sonthofen daheim ist. Das Zuhause bedeutet ihm viel: „Da sind meine Familie und meine Freunde. Es ist eines der schönsten Fleckchen Erde. Im Winter kannst du Skifahren, im Sommer segeln.“ Buhl hat in seiner Jugend beides als Leistungssport betrieben, bis er sich entscheiden musste, weil die Doppelbelastung zu hoch wurde.

FRÜHE AUSRUFEZEICHEN DEMONSTRIEREN DAS POTENZIAL

„Ich war ein besserer Segler als Skifahrer. Die Fokussierung auf den Segelsport war für mich logisch. Besser sein macht ja mehr Spaß“, erzählt er. Sein Heimatrevier ist der Große Alpsee. Hierhin hat ihn Vater Friedl Buhl schon als kleinen Jungen oft mitgenommen. Hier durfte er an den Schoten des Flying Dutchman vom Papa zupfen und mit ihm aufs Wasser. „Ich war immer gerne auf Booten, wurde nie zu was gedrängt“, erinnert sich Buhl, „wir hatten damals keine Handys und keine Sorgen, sondern einfach nur Spaß auf dem Wasser zu sein.“ Sein Heimathafen ist bis heute der Segelclub Alpsee-Immenstadt (SCAI). Dazu ist Buhl inzwischen auch Mitglied im Norddeutschen Regatta Verein (NRV) an der Hamburger Außenalster, der sich mit seinem NRV Olympic Team besonders für Olympiasegler engagiert. „Da bringe ich gerne meine Erfahrungen im Austausch mit den Jüngeren ein“, sagt Buhl.

Mit seinem Vater Friedl Buhl bildete der Ausnahme-Steuermann lange ein erfolgreich agierendes Trainer-/Athleten-Gespann. 2005 gewann der damals noch pausbäckige Bube aus Bayern die Internationale Deutsche Jugend-Meisterschaft U17 im Laser Radial und – im Alter von 15 Jahren – auch Silber in der U19-Wertung. Mit Bronze bei der Junioren-Europameisterschaft U19 ließ er ein Jahr später international aufhorchen, bevor er sich 2007 vor Hyères EM-Gold bei den Junioren sowohl in der U21 als auch in der U19-Wertung holte. Es sind diese frühen Ausrufezeichen, die sein Potenzial zeigten und ihm den Weg wiesen. Die erste Weltcup-Medaille im Senioren-Feld holte Buhl als 20-Jähriger bei der Kieler Woche. Im Trainingsrevier des German Sailing Teams hat er bis heute sechs Titel geholt. Den letzten als Weltmeister gerade erst im September 2020.

DEN OLYMPIA-DÄMPFER MIT DOMINANZ BEANTWORTET

Einen Dämpfer musste der aufstrebende Jungstar 2011 hinnehmen, als er seinem nationalen Sparring-Partner und drei Jahre älteren Rivalen Simon Grotelüschen knapp in der nationalen Olympia-Ausscheidung unterlag. Doch da war Buhl schon dran an der Weltspitze und zeigte das im Olympiajahr 2012 mit dem EM-Sieg und dem ersten Weltcup-Gold auch deutlich. Konsequent ging es weiter bergauf: 2013 gewann Philipp Buhl mit Bronze seine erste WM-Medaille im Oman, stand erstmals auf großer Bühne neben seinem Idol Robert Scheidt auf dem Podest, dessen Bewegungen und Segelstil er als Jugendlicher und begabter Autodidakt so akribisch studiert hatte.

Die schwerste Niederlage seiner Karriere musste Buhl 2016 einstecken: Im ungeliebten launischen Olympiarevier von Rio de Janeiro kam der Vize-Weltmeister von 2015 nicht in Fahrt, verpasste als Vierzehnter sogar den Einzug ins Finale. Da hat er den Himmel über dem Zuckerhut angebrüllt, der ihm so bittere Stunden beschert hat.

„FAIRPLAYER AUF DEM WASSER, ECHT NETTER TYP AN LAND“

Dennoch blieb Buhl in der Folgesaison fast das gesamte Jahr über Weltranglisten-Erster. Ein Jahr später demonstrierte er nach packender Aufholjagd im kampfbetonten WM-Finale in Aarhus mit Bronze, dass mit ihm auch künftig zu rechnen sein wird. Die Krönung des in Seglerkreisen überaus respektierten und beliebten Deutschen kam 2020 mit dem WM-Sieg hochverdient. Olympiasieger Tom Slingsby sagt über den Bayern-Express: „Auf dem Wasser ist Philipp sehr fair und mit großartigem Sportsgeist unterwegs. An Land ist er ein Gentleman ohne Ego und ein echt netter Kerl.“ Buhl ist auch einer, der sein Herz auf der Zunge trägt, positive wie negative Kritik übt, wenn er das für geboten hält. An anderen, aber vor allem an sich selbst. „Ich kann ganz schön stur sein“, sagt er und lacht. Seinem Hang zum Perfektionismus, den er selbst als positive Eigenschaft sieht, hat er inzwischen mit Kreativität und Flexibilität in entscheidenden Momenten eine wichtige zusätzliche Kraft hinzugefügt.

Fast sechs Jahre lang war Buhl Aktivensprecher der Teamgefährten in der Segel-Nationalmannschaft. Seine dritte Olympia-Kampagne managt er wie die meisten Segler selbst. „Man kann etwa sagen, dass ein Drittel meiner Zeit in physisches Training fließt, ein Drittel ins Segeln und ein Drittel in Planung, Management und Logistik.“ Weil der talentierte deutsche Nachwuchs wie NRV-Vereinskamerad Nik Aaron Willim (Nummer 40 der Weltrangliste) oder SCAI-Talent Julian Hoffmann (Nummer 381 der Weltrangliste) noch darum ringen, die Nummer eins hierzulande einzuholen, trainiert Philipp Buhl in Regie von Bundestrainer Alex Schlonski auch regelmäßig mit einer starken internationalen Trainingsgruppe, der Top-Athleten wie der schwedische Weltranglisten-Zweite Jesper Stalheim und der norwegische Weltranglisten-Fünfte Hermann Tomasgaard angehören. Gemeinsam bringen sie sich in Form für das nächste große Ziel: eine Medaille bei den Olympischen Spielen.

„EIN TOLLES GEFÜHL, DASS SO VIELE MENSCHEN AN MICH GLAUBEN“

Die Verschiebung der Spiele seines Lebens hat Philipp Buhl weniger belastet als andere. „Es wäre frustrierend gewesen, mit einem schlechten WM-Ergebnis in die Zwangspause zu gehen. Mit dem guten Gefühl des WM-Sieges geht manches leichter.“ Die Olympia-Verschiebung hat Philipp Buhl auch ein Geschenk gemacht: Er hat den Sommer im Corona-Jahr weitgehend daheim im Allgäu verbracht. „Das konnte ich so schon fast zehn Jahre nicht mehr genießen. Es hat mir gutgetan.“ Abseits vom Lasersegeln hat sich Buhl in seiner Motte im Heimatrevier ausgetobt und neue Motivation getankt. Doch der Laser bleibt das olympische Boot seiner Leidenschaft: „Mich reizt der erbarmungslose Wettbewerb auf Augenhöhe. Der Laser ist eine extrem ehrliche Disziplin, in der es nicht um technische Vorteile geht.“ Als professioneller Sportler kann sich Buhl auf seine Ziele konzentrieren: „Ich habe dank meiner Bundeswehr-Zugehörigkeit, die uns Leistungssportlern sehr hilft, und dank meiner Partner ein gutes Auskommen. Für mich ist es ein tolles Gefühl, dass so viele Menschen an mich glauben.“