Fahrtenwettbewerb: allein zu den Azoren und zurück

Ein Blick von unten nach oben gen Himmel zeigt verschiedene Segel auf einer Yacht.
Die Vorwindbesegelung der "Seamonster" aus Groß, gereffter Genua und ausgebaumten Code0.

Mehr als zwanzig Jahre trägt ein Segler die Idee mit sich herum. Dann erfüllt Jan-Erik Kruse sich einen Traum: Er segelt allein von England zu den Azoren und zurück, 2.500 Seemeilen über den Nordatlantik mit einer robusten Fahrtenyacht aus den Neunzigerjahren. Für diese herausragende Reise zeichnete der DSV den Berufspiloten und Buchautor („Yachtunfälle“) vom Cospudener Yacht Club Markkleeberg im Fahrtenwettbewerb mit dem Commodore-Preis und Gold in der Kategorie See aus.

Der Azoren-Törn 2023 von Jan-Erik Kruse begann eigentlich im Jahr 2001. Damals legten der Skipper und seine Crew nach einer einjährigen Atlantikrundreise von den Azoren kommend im Hafen von Falmouth (Cornwall) eine Zwangspause ein: Der Motor der „Seamonster“, einer Najad 361 Baujahr 1996, musste repariert werden. Abends auf der Terrasse des Royal Cornwall Yacht Club hörte Jan-Erik Kruse dann zum ersten Mal von der besonderen Regatta „Azores and Back Race“. Falmouth, Azoren und zurück, eine der ältesten Hochseeregatten Englands. Gesegelt wird allein oder zu zweit. „Das wäre doch etwas für mich“, dachte der damals 21-Jährige. Die Idee war geboren, und sie ließ Jan-Erik Kruse nicht mehr los.

Ein Mann liegt auf einem Steg vor seiner Segelyacht und freut sich.
Preisgewinner Jan-Erik Kruse und seine „Seamonster“, eine Najad 361 – mit der robusten Yacht ist der Skipper einhand zu den Azoren und zurück gesegelt. © Jan-Erik Kruse

Doch bis aus dem Traum Wirklichkeit wurde, sollten noch mehr als zwei Jahrzehnte vergehen. Im Spätsommer 2021 übernahm Jan-Erik Kruse die „Seamonster“ von seinen Eltern, denn diese hatten sich aus Altersgründen und schweren Herzens dazu entschieden, das Segeln aufzugeben. Noch am selben Abend recherchierte er: Die 13. Auflage des Rennens sollte am 3. Juni 2023 starten. Die gute Kameradschaft unter den Crews, die Herausforderungen auf See, die intensiven Momente in der Weite des Ozeans – die Erfahrungsberichte taten ihr Übriges und am nächsten Morgen stand für Jan-Erik Kruse fest: „Das ist mein Ding. Das mache ich!“

Zwei Jahre intensive Vorbereitung: Checks, Seminare, Qualifying Passage

Die folgenden Monate bestanden aus viel Arbeit und akribischer Vorbereitung: Yacht und Eigner mussten für eine Hochseeregatta vorbereitet werden. Dazu gehörten eine angepasste Sicherheitsausrüstung mit zum Beispiel einem aktivem Radarreflektor, neue Segel (Code0, Trysegel und Starkwindfock), technische Inspektionen sowie Hochseesicherheitstraining und ein „Medizin auf See“-Seminar für den Skipper.

Noch etwas anderes beschäftigte den Vater von zwei Kindern. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen, meinem Abenteuerdrang Vorrang zu geben, und ich musste versprechen, vorsichtig zu segeln.“ Und vielleicht gehöre auch diese Information in einen Reisebericht, sagt Jan-Erik Kruse weiter: „Im Mai 2023 habe ich erstmals ein Testament verfasst.“

„Einhandsegeln – das ist genau mein Ding“

Die Regatta rückte näher, die neue Schwerwetterfock erreichte die Yacht erst auf der Zielgeraden zum Start, und in Falmouth musste in allerletzter Minute noch der Kühlschrank der „Seamonster“ repariert werden. Für die ersten zwei Tage auf See kochte Jan-Erik Kruse Bohneneintopf mit Hackbällchen vor.

Erfahrungen im Einhandsegeln sammelte der Segler im Ärmelkanal mit seiner hohen Verkehrsdichte, absolvierte dort die vom Regattaveranstalter vorgeschriebene 300-Seemeilen-solo-Qualifying Passage. Dabei merkte er zum ersten Mal, wie es sich das anfühlt, allein auf See – herausfordernd und trotzdem „genau mein Ding“.

Sternenklare Nächte, leuchtendes Plankton, freundliche Orcas und ein wenig Improvisation

Und dann, am 3. Juni 2023, war es endlich soweit: 35 Yachten gingen an den Start des Azores and Back Race, neun davon mit Einhandsegelnden, Leg 1 von Falmouth nach Ponta Delgada. Schon in der ersten Nacht begann der Rhythmus des Einhandseglers: kurze, zwanzigminütige Schlafphasen, immer wieder ein Blick aufs AIS, ständig wachsam. Der Wind stand günstig, und das Boot lief ruhig durch die lange Atlantik-Dünung. Die folgenden Tage wurden von kleinen Routinen bestimmt: Segel trimmen, Wetterdaten abrufen, kochen („Segeln mit gefriergetrockneten Fertiggerichten ist zwar denkbar. Aber ich bin mit Pasta Arrabbiata oder Shakshuka besser auf den nächsten Sturm vorbereitet!“), Logbuch schreiben, Powernaps.

An Tagen mit viel Wind hörte er plötzlich Stimmen – glaubte kurz, seine Partnerin oder einen Freund an Bord zu hören, schaute irritiert in Schapps und Schränke. Doch es war nur der Wind im Rigg und das Spiel der Gedanken. Und dann gab es da diese Augenblicke von überwältigender Schönheit auf dem Meer: sternenklare Nächte, leuchtendes Plankton im Kielwasser, das rhythmische Rauschen der Wellen.

Am sechsten Tag tauchte plötzlich eine dunkle Rückenflosse neben dem Boot auf. Kurz darauf eine zweite – Orcas! „Ich dachte kurz an die Horrorgeschichten von den Orcas, die vor der Iberischen Halbinsel die Ruderblätter von Segelyachten angeknabbert haben“, berichtet der Skipper. Die Schwertwale begleiteten die „Seamonster“ eine ganze Stunde lang, surften in den drei Meter hohen Wellen hinter dem Heck, näherten sich immer wieder neugierig dem Boot, um schließlich wieder im grauen Atlantik zu verschwinden. Auch das einer dieser seltenen Momente, die der Segler nie vergessen wird.

Wenig später fiel der Wind zusammen – Flaute. Dazu gab‘s ein weiteres Problem: Der Travellerschlitten der Großschot hatte sich von seiner Schiene gelöst, die Kugeln aus dem Kugellager rollten über das Achterdeck. Und das mitten auf dem Atlantik! Mit improvisierten Mitteln baute Jan-Erik Kruse eine provisorische Lösung aus einem alten Block und einem Softschäkel. Die Reise konnte halbwegs entspannt weitergehen. Nach 1.260 Seemeilen, acht Tagen, fünf Stunden und 49 Minuten erreichet die „Seamonster“ schließlich Ponta Delgada.

Ein Segler auf einem Boot reicht einem Mann auf einem Steg ein Seil - er will am Steg in einem Yachthafen festmachen.
Nach 1.260 Seemeilen legte Jan-Erik Kruse in Ponta Delgada auf Sao Miguel (Azoren) an. © Jan-Erik Kruse

Rücktour und Abschied von der „Seamonster“

Nach einigen Tagen auf der Insel begann Teil zwei der Reise, mit frischem Proviant, Käse, Gemüse und Ananas vom Markt, an Bord. Wieder allein über den Atlantik, zurück nach England. Das Leben an Bord folgte inzwischen zwar einem vertrauten Rhythmus   „und wichtige Kursänderungen, die ich auf dem ersten Leg noch vor mir hergeschoben habe, die habe ich jetzt sofort umgesetzt“. Doch allmählich tauchte auch ein wenig Heimweh auf. Acht Tage später, am 28. Juni 2023, überquerte die „Seamonster“ in Cornwall erneut die Ziellinie.

Ein Regenbogen über dem Meer.
Tag 2 der Rückreise, Sommeranfang auf dem Nordatlantik. Die Sonne bricht durch die Wolken und malt einen Regenbogen. © Jan-Erik Kruse

Mit dieser Reise endete nicht nur eine Regatta, sondern auch eine lange Geschichte. Für Jan-Erik Kruse und für die Najad 361: Die „Seamonster“ hatte mehr als ein Vierteljahrhundert in der Familie der Kruses verbracht. Kurz nach dem Rennen wurde sie verkauft und segelt inzwischen unter französischer Flagge weiter.

Lest hier den ausführlichen, spannenden und reich bebilderten Reisebericht von Jan-Erik Kruse: