Nach einer stürmischen Woche vor Kiel endete gestern die Weltmeisterschaft der vorolympischen Skiffjolle 29er für die 276 internationalen Duos aus 35 Nationen zu Ende. Beide U17-WM-Titel gingen nach Deutschland: Strahlende Sieger in der U17-Wertung der Jungen waren der fünfzehnjährige Johan Müller (Blankeneser Segel-Club/Kieler Yacht–Club/Norddeutscher Regatta Verein) und sein erst vierzehnjähriger Vorschoter Hanno Gewinn (KYC/Mühlenberger Segel-Club). Bei den Mädchen gewannen die fünfzehnjährige Olha Lubianska und ihre ein Jahr ältere Vorschoterin Liv Martin (beide Württembergischer Yacht-Club).
Neue Weltmeister sind die Franzosen Alexandre Mostini und Allain Raphael vor dem schwedischen Team Henric Wigforss und William Drakenberg, die neben ihrem Heimatverein KSSS auch für den Bayerischen Yacht-Club gemeldet haben. Auf dem Bronzerang folgten Felix Llauro und Lucas Cozar aus Argentinien, die das Feld über mehrere Tage anführten.

Bestes deutsches Team in der Gesamtwertung waren David Plettner (Bayerischer Yacht-Club) und Moritz Aigner (BYC/Deutscher Touring Yacht-Club) auf dem fünften Platz, die zugleich die Open-Wertung gewannen. Sie gehören zur ambitionierten internationalen 29er-Trainingsgruppe des Bayerischen Yacht-Clubs mit Trainer Joao „J“ Prieto, der in den vergangenen Jahren zwei 29er-Weltmeisterteams als Coach betreute. Auf Rang zwei der Open-Wertung kamen die Brüder Tizian und Julian Lembeck vom Segelclub Inning am Ammersee.
Starkwind und Welle vor Kiel
„Die Woche vor Kiel war geprägt von viel Wind und Welle, aber auch Phasen mit weniger Wind und entsprechend Flachwasser sowie konstantem, wenig drehendem Wind“, berichtet Marc Harms, DSV-Bundesstützpunkttrainer Nachwuchs in Friedrichshafen am Bodensee. „Es war eine faire, aussagekräftige WM, bei der alle Skills gefordert waren.“
Die U17-Weltmeisterinnen Olha und Liv trainieren seit Sommer 2025 in seiner Trainingsgruppe. Zu ihr gehören auch Pollux Arnold und Moritz Lichtwer (beide WYC), die mit nur fünf Punkten Abstand zum Team Müller/Gewinn Vize-U17-Weltmeister wurden.

Für Olha Lubianska ist es nach dem Sieg in der Mädchenwertung bei der Opti-Weltmeisterschaft 2025 der zweite internationale Titel ihrer Segelkarriere. Als der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine ausbrach, war sie gerade bei einer Regatta in Imperia. Die Familie entschied sich, nicht in die Ukraine zurückzukehren. In den folgenden Jahren lebte sie überwiegend in Kroatien und nahm an zahlreichen Optimistenregatten in ganz Europa teil.
Der Weg von Olha Lubianska nach Deutschland
„Nach ihrer erfolgreichen Opti-WM hat sie einen Brief an einige deutsche Trainer und Clubs geschrieben und erzählt, dass sie gerne 29er segeln möchte und eine Trainingsgruppe braucht“, berichtete Marc Harms. „Wir haben sie dann mit Liv und ihrer Familie zusammengebracht und freuen uns, dass es innerhalb weniger Monate gelungen ist, ein so leistungsstarkes Team herauszubilden.“
Vor allem der Segelverband Baden-Württemberg, der Württembergische Yacht-Club sowie die Familie Martin unterstützen Olha und ihre Familie, die inzwischen in Kiel gemeldet sind, intensiv und begleiten sie insbesondere bei Behördengängen sowie im Umgang mit der deutschen Bürokratie. „In Baden-Württemberg war es nicht mehr möglich, als Flüchtling aus der Ukraine aufgenommen zu werden. Wir sind froh, dass Olha und ihre Familie in Kiel mehr Erfolg hatten“, berichtet Marc Harms. „Olha geht nun in Kiel zur Schule, nutzt die Athletikräume des DSV in Schilksee und geht für Deutschland an den Start – der Aufwand der vergangenen Monate hat sich gelohnt.“
Auf dem Podest in Kiel stand Olha Lubianska an der Seite von Liv Martin nun stolz mit der deutschen Flagge. „„Dieser Titel bedeutet mir unglaublich viel. Er ist das Ergebnis harter Arbeit, des gegenseitigen Vertrauens und der Unterstützung aller, die uns auf diesem Weg begleitet haben“, sagte sie. Ihre Segelpartnerin Liv Martin ergänzte: „Wir haben immer an uns geglaubt und sind stolz darauf, uns mit den besten Teams der Welt gemessen zu haben.“
Goldener Abschluss für Müller und Gewinn
Stolz auf die Trainingserfolge der vergangenen Monate blicken auch die beiden Hamburger Schüler Johan Müller und Hanno Gewinn, die seit Spätsommer 2024 zusammen im 29er segeln und in der Trainingsgruppe des KYC mit Patrick Böhmer und Tobias Matern vor Schilksee überwiegend am Wochenende trainieren. Nachdem sie bei der YES und der Kieler Woche, die beide sehr leichtwindig waren, hinter den selbst gesteckten Erwartungen zurückblieben, lief es bei der Starkwind-WM vor Kiel von Tag eins an richtig gut für das junge Team.

Mit dem Erreichen der Gold Fleet hatte das Team einen ersten Meilenstein geschafft. Die Aussicht, zu den fünf besten Teams der U17-Wertung zu gehören, beflügelte das Team zusätzlich. „Das war schon das erste Highlight, als uns klar wurde, dass wir gar nicht mehr schlechter werden können“, berichtete Hanno Gewinn. „Und das Wetter war die Woche über auf unserer Seite. Wir brauchen bei unserem Gewicht von zusammen 140 Kilogramm viel Wind, und wir hatten viel Wind. Schlechtes Wetter schreckt uns nicht ab, das sind die Bedingungen, die zu uns passen.“
Nach dem Titelgewinn wurde das Segelteam unter lautem Gejohle ins Hafenbecken von Schilksee geworfen. Tropfnass, mit leuchtenden Augen, sagte U17-Weltmeister Johan Müller anschließend: „Das fühlt sich einfach super an, wir haben damit nicht gerechnet. So ganz realisiert haben wir das noch nicht. Es ist einfach cool, dass wir das auf unserem Heimatrevier geschafft haben.“
Abschied nach dem größten gemeinsamen Erfolg
Ein Wehmutstropfen bleibt für das Team Müller/Gewinn: Nach rund eineinhalb Jahren in einem Boot war die erfolgreiche WM ihre vorerst letzte gemeinsame Regatta. Mit Blick auf ihr hohes Crewgewicht, das rund 20 Kilogramm über dem Idealgewicht für den 29er liegt, suchen sie sich nun jeweils neue Segelpartner in der Skiffjolle.
Alle Ergebnisse der 29er-WM vor Kiel mit den einzelnen Kategorien sind auf Manage2Sail veröffentlicht.
Auf der Seite des ausrichtenden Kieler Yacht-Clubs sind zudem ausführliche Berichte zum Verlauf der Weltmeisterschaft zu finden. Das nächste internationale Event der 29er-Klasse ist die Europameisterschaft August auf dem Lipno-Stausee in Tschechien.