Orca-Kontakte: Gute Vorbereitung hilft, Risiken zu reduzieren

Eine Gruppe Orcas schwimmt durchs Wasser
Warum die geselligen Tiere an Ruderblättern knabbern und Rümpfe schubsen, ist noch immer nicht wissenschaftlich geklärt. © Mike Doherty/Unsplash

Die Meldungen über Angriffe von Orca-Gruppen auf große und kleine Segelyachten und Fischerboote vor der Atlantikküste von Frankreich, Spanien, Portugal und Marokko reißen nicht ab und beunruhigen Segelcrews. Gibt es neue Erkenntnisse zu dem Verhalten der Meeressäuger und neue Verhaltensempfehlungen? Ein Update.

Insbesondere nach den Ereignissen im Juli 2026 häufen sich auch beim Deutschen Segler-Verband erneut die Anrufe von Fahrtenseglerinnen und -seglern zum Thema Orca-Attacken. Allein an einem Tag gab es vor der nordspanischen Küste im Seegebiet vor Estaca de Bares und der Ría de Viveiro vier Vorfälle mit Orcas: Eine Yacht sank dabei, zwei verloren ihr Ruder, ein viertes Boot kam mit leichten Schäden davon. „Die Segel-Community ist natürlich beunruhigt“, sagt Rainer Tatenhorst, Leiter der DSV-Abteilung Fahrten- und Freizeitsegeln.

Seit 2020 kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, insbesondere vor der spanischen und portugiesischen Atlantikküste, nahe der Straße von Gibraltar sowie vor der Bretagne und Marokkos Küste.

Die betroffenen Seglerinnen und Segler konnten sich bisher immer in Rettungsinseln in Sicherheit bringen oder wurden von anderen Booten beziehungsweise der Seenotrettung aufgenommen.

Warum Orcas dieses Verhalten zeigen, ist weiterhin unklar

Spiel, Aggression oder Krankheit – auch sechs Jahre nach den ersten registrierten Vorfällen kursieren zwar etliche Vermutungen, aber weiterhin gibt es keine wissenschaftlich gesicherte Erklärung für das Verhalten der als intelligent und sozial geltenden Tiere.

Nach aktuellem Kenntnisstand gibt es keine Hinweise darauf, dass Orcas gezielt Menschen attackieren. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprechen deshalb von „Interaktionen“ statt von „Angriffen“. Für die betroffenen Crews können die Kontakte dennoch gefährlich sein und erhebliche Schäden am Boot verursachen.

Welche Maßnahmen helfen bei einem Orca-Kontakt?

Auch auf diese Frage gibt es zahlreiche Antworten, die sich in Teilen widersprechen. Der Portugiese Rui Alves, Gründer der Informationsplattform orcas.pt., hat sich In einem Interview mit der YACHT vom Februar 2026 auf eine klare  Verhaltensempfehlung festgelegt: „Nicht anhalten, weiterfahren, am besten Richtung Küste ins flache Wasser“, sagt Rui Alves.

Hintergrund für diesen eindeutigen Rat: Die Hauptnahrung der Orcas, der Thunfisch, hält sich in der Regel nicht im 20 Meter tiefen Wasser auf, die Schwertwale deshalb auch nur selten. Allerdings können küstennahe Bereiche andere Risiken mit sich bringen, etwa Netze, Untiefen oder zusätzlichen Schiffsverkehr.

Dazu sagt Rui Alves weiter: „Netze gibt es dort, das stimmt. Aber es ist ein Risiko gegen das andere – man muss abwägen. Es gibt kein Null-Risiko, nur sehr wenig Risiko.“

Die Reise in betroffene Gebiete sorgfältig vorbereiten

Das sieht auch  Rainer Tatenhorst so, weshalb für ihn vor allem die Vorbereitung im Mittelpunkt steht „Wir Seglerinnen und Segler planen unsere Törns umfassend und vorausschauend, mit Hilfe eines intensiven Wetterroutings zum Beispiel. Da überlassen wir auch möglichst wenig dem Zufall. Wer trotz der Orca-Vorfälle in die betreffenden Gebiete reisen möchte, sollte seinen Törn also mit viel Sorgfalt vorbereiten.“

Hilfreich sind dabei unter anderem die Informationsplattformen orcas.pt und orcaiberica.org. Dort finden sich aktuelle Karten, Hinweise zu Orca-Aktivitäten sowie Möglichkeiten, eigene Sichtungen zu melden. Über die App „GT Orcas“ lassen sich aktuelle Informationen auch unterwegs abrufen.

Während des Törns regelmäßig neu informieren

Die Lage in den betroffenen Seegebieten kann sich kurzfristig verändern. Crews sollten deshalb nicht nur vor dem Ablegen, sondern auch während des Törns regelmäßig aktuelle Meldungen prüfen.

„Wir empfehlen Seglerinnen und Seglern, sich während eines Törns immer wieder neu zu orientieren und bei gemeldeten Orca-Sichtungen oder Attacken das betreffende Gebiet zu meiden“, sagt Rainer Tatenhorst.

Das kann bedeuten, eine Route anzupassen, einen Streckenabschnitt später zu fahren oder auf ein anderes Seegebiet auszuweichen.

Für den Ernstfall klare Aufgaben verteilen

Ebenso wichtig ist ein klarer Plan für den Fall, dass Orcas auftauchen. Ähnlich wie die Notrollen bei einem Seenotfall müssen auch die Rollen der Crewmitglieder bei einer Orka-Interaktion besprochen werden, beispielsweise die Zuständigkeit für den Funkverkehr, für die Rettungsmittel, für das Grab-Bag und so weiter. „Eine klare Aufgabenverteilung kann helfen, in einer angespannten Situation schnell und koordiniert zu handeln“, sagt Rainer Tatenhorst.

Zahl der gemeldeten Vorfälle zuletzt rückläufig

Die Zahl der jährlich registrierten Vorfälle ist im iberischen Raum zuletzt zurückgegangen. Aktuell liegt sie bei rund 130 gemeldeten Fällen pro Jahr. In den ersten Jahren nach 2020 wurden deutlich mehr Kontakte registriert.

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass das Phänomen in absehbarer Zeit verschwindet. Rui Alves weist darauf hin, dass auch jüngere Tiere das auffällige Verhalten von den Älteren übernehmen können.

„Die Babys lernen das Verhalten. Es werden also mehr“, sagt Alves.

Für Fahrtenseglerinnen und -segler bleibt deshalb entscheidend: aktuelle Informationen einholen, bekannte Risikogebiete nach Möglichkeit meiden und für einen Orca-Kontakt vorbereitet sein.

Das Wichtigste für Crews auf einen Blick

  • Vor und während des Törns aktuelle Orca-Sichtungen und Vorfälle prüfen – mittels Websites und/oder App
  • Gebiete mit aktuell gemeldeter Orca-Aktivität möglichst meiden.
  • Mögliche Ausweichrouten bereits bei der Törnplanung berücksichtigen.
  • Bei einem Kontakt nicht auf ungesicherte oder möglicherweise verbotene Abwehrmaßnahmen setzen.
  • Wenn es die sichere Navigation zulässt, weiterfahren und flacheres Küstenwasser als mögliche Ausweichoption berücksichtigen.
  • Zuständige Seenotrettungsstellen und Notrufnummern vorab speichern.
  • Innerhalb der Crew klare Aufgaben für den Ernstfall festlegen.

Notrufnummern

International
UKW-Kanal 16
Notruf: 112

Seenotrettung / Küstenwache
Frankreich: 196
Portugal: +351 214 401 919
Spanien: +34 900 202 202

Informationsportale

Orca Ibérica
https://www.orcaiberica.org/en

Orcas.pt
https://orcas.pt

The Cruising Association – Orca information
https://www.theca.org.uk/orcas

App „GT Orcas“

Download im Google Play Store

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