Jetzt oder nie – an ihrem 40. Geburtstag traf Marga Keyl eine Entscheidung: Sie würde nicht länger warten. Weder auf den perfekten Zeitpunkt noch auf einen passenden Segelpartner. Viel zu lange begleitete die Tierärztin aus Hamburg schon der Traum von einer Langfahrt. Kurz darauf fand sie auf Menorca „ihr“ Schiff, eine Contest 36S mit türkisfarbenem Streifen. Die Reise führte sie von Hamburg entlang der europäischen Atlantikküste, via Kanarische und Kapverdische Inseln über den Atlantik in die Karibik. Für diesen Törn gewann Marga Keyl den Preis der Skipperinnen beim DSV-Fahrtenwettbewerb 2023/2024. Ihre Geschichte steht für Entschlossenheit, Selbstvertrauen und die Bereitschaft, den eigenen Traum in die Hand zu nehmen.
Es war Liebe auf den ersten Blick, als Marga Keyl 2020 den Niedergang der Contest 36S hinabstieg: „Die Yacht und ich gehören zusammen, sie gab mir sofort ein Gefühl von Sicherheit.“ Neben einem umfassenden Refit („Neun Monate auf dem Trockenen – wat mutt dat mutt“) rüstete die Seglerin ihre GITANA konsequent für die Langfahrt aus: Autopilot, Windfahnensteuerung, Sicherheits- und Kommunikationstechnik wurden ergänzt und unter anderem bei einer ausgedehnten Solo-Ostseerunde ausgiebig getestet.
Am 7. Juli 2023 war es dann soweit: „Tschüss Finkenwerder, Tschüss Hamburg“, Hallo Glückstadt, Cuxhaven, Sommer, Sonne, leichte Brise von achtern, Helgoland – „alles ganz wunderbar“. Doch dann briste der Wind auf, die Skipperin entschied sich für die Staande Maastroute durch die Niederlande, „wo man zwischen Kuh- und Pferdewiesen hindurchfährt, …, vorbei an den Gärten der Menschen, die ihren Bootsanleger im Garten haben. So etwas kann ich mir auch für meinen Altersruhesitz vorstellen“. Ein weiterer Traum?
An den Herausforderungen wachsen

Die Reise war geprägt vom realistischen Alltag einer Langfahrtseglerin: lange Schläge, Nachtfahrten, Wetterfenster – und immer wieder technische Herausforderungen, insbesondere am Motor. „Erste Etappen und Katastrophen“ lautet deshalb auch eine der Überschriften im Reise-Blog von Marga Keyl. So führten ein nicht richtig sitzender Schlauch und der Bruch einer Unterlegscheibe an der Lichtmaschine zu Wasser in der Bilge und einem überhitzenden Motor – um nur eines von vielen Problemen aufzuzeigen. „Das Desaster war da gleich zu Beginn der Reise fast perfekt“, sagt Marga Keyl. Und irgendwann im Laufe der Reise fragte sie sich frustriert: „Kann es denn nicht mal einen Tag geben, wo nichts passiert?“
Doch statt zu resignieren, wuchs mit jeder gelösten Aufgabe das Vertrauen in die GITANA und vor allem in die eigenen Fähigkeiten. Dichtungen tauschen („Wenn ich dann endlich die passenden gefunden habe“), immer wieder Motor und Zylinderkopf ausbauen („Es ist im Prinzip auch nichts anders als eine Operation“), Thermostat am Wärmetauscher ersetzen und … und … und. Am Ende der Reise, sagt Marga Keyl, „kannte ich die GITANA so gut wie mich selbst.“ Und dieses Wissen sei Voraussetzung für das Einhandsegeln.
„Blauwassersegeln ist eben doch das Reparieren des Schiffes an den schönsten Orten dieser Welt.“

Neben den technischen Herausforderungen ließ sich die Seglerin die Schönheit der Orte, der Häfen und der Natur entlang der Stehenden Mastroute, der französischen, spanischen und portugiesischen Küste nicht nehmen, sei es der Duft der Petunien im holländischen Stavoren, Kibbeling, die typischen niederländischen Fischhappen, am IJsselmeer, die Biskaya mit ihren verspielten Delfinen, Tapas in La Coruña, der weiße Sandstrand von Finisterre und das Fest der Heiligen Carmen, der Schutzpatronin der Seefahrer (und Seefahrerinnen!).
Als nächstes ging es von Portugal Richtung Süden, raus aus dem Schietwetter auf den Atlantik Richtung Kanaren. „Ich begann zu verstehen, was es mit diesem Atlantiksegeln auf sich hat“, sagt Marga Keyl. Winde von achtern, Wärme, Ruhe, klare Sternenhimmel und Sternschnuppen.
„Atlantiksegeln ist anders als alles andere, es ist wunderschön.“

Gran Canaria, Delfine und Meteoritenschauer, selbst geangelte Goldmakrele, dann – nach einer mehrwöchigen Segelpause um zu arbeiten – einhand nach Porto Santo, eine Nebeninsel von Madeira, Mark Knopfler tönt aus den Lautsprechern, „und ich war zum ersten Mal mehr als eine Nacht allein unterwegs“, sagt Marga Keyl. „Eine tolle Erfahrung!“
Madeira. Ilhas Selvagens. Lanzarote. Teneriffa. La Palma, La Gomera. Kapverden mit einem Mix aus Arbeit und Urlaub. Immer wieder beeindruckende Natur, wundervolle Menschen und berauschende Segeltörns, mal mit mehr, mal mit weniger Wind. Und dann die Atlantiküberquerung, vorher allerdings noch schnell das Achterstag reparieren lassen: nachts Wachwechsel im Drei-Stunden-Rhythmus, tagsüber lesen, sonnen, aufs Wasser schauen, Delfine, Tropicbirds, Fregattvögel und sich majestätisch bewegende Pilotwale beobachten.
16 Tage, 2.269 Seemeilen später die Ankunft in der Karibik auf Tobago, im Paradies: „Ein großer, grüner Dschungel mit kleinen Sandstränden überall. In der Bucht liegen nicht mehr als 20 Boote, es ist familiär und überschaubar. Die Freundlichkeit der Locals ist unbeschreiblich“, schreibt Marga Keyl in ihrem Reiseblog. Heute liegt die GITANA auf Grenada.
Mental immer Einhandseglerin – Sicherheit hat oberste Priorität

Auch wenn Marga Keyl viele Etappen allein segelte, wie zum Beispiel die Stehende Mastroute oder von Gran Canaria nach Porto Santo, war die Skipperin nicht durchgehend solo unterwegs. Auf einzelnen Abschnitten begleiteten andere Frauen sie, darunter ihre 80-jährige Mutter Wiebke, Birgit Schröder, Marianna Pospiech, Alex Frindt und Eloïse Ducreux. Doch selbst mit Crew an Bord blieb Marga Keyl mental Einhandseglerin – insbesondere, wenn Mitseglerinnen wenig Erfahrung mitbrachten. Sicherheit hat für sie oberste Priorität – ein Überbordgehen ist keine Option.
Gleichzeitig sieht die mit insgesamt rund 11.400 Seemeilen erfahrene Seglerin es als große Chance, Frauen an Bord Verantwortung zu übertragen, etwa durch eigenständige Nachtwachen. Viele ihrer Mitseglerinnen nahmen diese Erfahrungen als prägend und bestärkend mit.
Parallel zur Segelei setzte Marga Keyl ihre Arbeit als Tierärztin im Auslandstierschutz fort und engagierte sich unter anderem auf den Kapverdischen Inseln und in Griechenland: Allein auf Kreta operierte sie während einer Törnpause bei der hier beschriebenen Reise rund 1.300 Tiere.
Segeln und Verantwortung gehören für sie eben untrennbar zusammen – auf See ebenso wie an Land.
Einen ausführlichen Reisebericht mit ehrlichen Schilderungen der Herausforderungen und mitreißenden Beschreibungen aller Erlebnissen auf See und an Land sowie vielen Bildern findet ihr im Blog von Marga Keyl. www.capitana-de-la-gitana.de/blog