Von der Nordsee bis zur Biskaya – Freude über jeden Tag auf dem Wasser

Viele kleine Motorboote und größere Segelyachten ankern in einer Bucht. Links und rechts sind Felsen, die Sonne lässt das Wasser glitzern.
Traumhaft schöne Buchten laden während der Reise zum Ankern ein - hier an der französischen Belle Ile © Manfred Thiessen

Manfred und Telse Thiessen segelten 2024 mit der „Yggdrasil“ von der Elbe über die Nordsee und den Ärmelkanal bis weit in die französische Atlantikküste – ohne Bucket-List gen Westen. Für diese eindrucksvolle Reise mit stürmischen Passagen, entspannten Hafentagen und historischen Erkundungen erhielten die beiden den Publikumspreis des Fahrtenwettbewerbs 2023/24.

Ehepaar Thiessen mit Claus Funk und Mona Küppers
Telse und Manfred Thiessen gewannen mit ihrem Törn den Publikumspreis des Fahrtenwettbewerbs © Finn Ole Kleinfeldt

Manfred und Telse Thiessen aus Marne bei Brunsbüttel sind routinierte Segler. Doch Routine hieß und heißt für sie niemals Nachlässigkeit: Die Sicherheitsausrüstung auf ihrer Yggdrasil befand sich auf aktuellem Stand, die Navigation erfolgte klassisch auf Papierkarten, unterstützt durch Tablet, AIS und eine Funkbedienung im Cockpit. Gerade auf der Nordsee und im Englischen Kanal schätzen die beiden den Kontakt zur Berufsschifffahrt: „Das gibt uns immer ein Gefühl der Sicherheit – in den Verkehrsablauf eingebunden zu sein“, sagt der Skipper. Navigationsliteratur und Gezeitentabellen ergänzten die Bordbibliothek, Wetterinformationen bezog die Crew aus regionalen Quellen; in Frankreich bewährte sich zusätzlich eine detaillierte, kostenpflichtige App.

Das Paar aus dem Beidenflether Segler-Verein segelt sein Boot – vor 40 Jahren selbst gebaut – in der 36. Saison und hat viel Erfahrung. Trotzdem sagen beide ehrlich: „Auf dem Weg nach Westen ist die Nordsee der anspruchsvollste Teil jeder Reise.“ Mit größerem Tiefgang blieben viele friesische Inseln als Zwischenstopp unerreichbar, weshalb lange Schläge nach Lauwersoog oder Terschelling zur festen Strategie gehörten.

Westwärts – Gewitter, Regen, Entspannung in den Kanälen und zurück auf die Nordsee

Es kam wie erwartet. Am 26. Mai verabschiedeten sich Freunde und Familie fröhlich an der Stör, die Crew winkte mit Vorfreude und viel „Westweh“ im Herzen. Doch gleich die erste Nachtfahrt von Cuxhaven nach Lauwersoog forderte Ehepaar Thiessen mit Gewittern, Dauerregen und Meeresleuchten heraus. Für die kommenden Tagen sagten die Wetterdienste weiter Starkwind  vorher, also war die Entscheidung klar: Nordsee vorerst adé, Staande Mastroute mit viel Sightseeing und langsamen, aber stetigem Vorwärtskommen willkommen.

Es folgten entspannte Kanaltage durch Friesland, spontane Brückenöffnungen und Stationen in Harlingen, Enkhuizen und Gouda – alles weit entfernt von der offenen See, aber voller Reiz mit Fahrten vorbei an gepflegten Gärten, Häusern und endlosen Gewächshauskolonien. In Gouda verpasste der Skipper die Öffnungszeiten seiner geliebten „Slagerij van Sprang“ und die geräucherte Kochwurst wegen der ungeplanten Wartezeit vor einer Eisenbahnbrücke – macht nichts.

In Südholland verdichtete sich der Schiffsverkehr, Brücken öffneten nach festen Zeiten. „Trotzdem staunen wir immer wieder, welcher Stellenwert der Sportschifffahrt eingeräumt wird, und ist das Boot auch noch so klein“, sagt Manfred Thiessen. „Und wenn die Erasmusbrug im Herzen von Rotterdam für uns öffnet, ist das schon ein besonderes Erlebnis.“

Endlich war für die Nordsee ruhiges Wetter angesagt, und es ging es über Nieuwe Maas und Maasmündung zurück über Oostende aufs Meer.

Flämische Bänke und Ärmelkanal

Ruhiges Wetter in der südwestlichen Nordsee, ja. Trotzdem verlangte der Törn-Abschnitt höchste Aufmerksamkeit: Sandbänke, dazwischen tiefe Rinnen, ausgetonnt, aber veränderlich, starke Strömungen und dichte Großschifffahrt prägen das Revier. Moderne Navigation erleichterte vieles, ersetzte jedoch nicht die erforderliche Umsicht: „Sportboote sind gut beraten, Augen und Ohren offen zu halten“, empfiehlt Manfred Thiessen.

Eine Yacht segelt bei viel Wind, die Menschen im Cockpit sind dick angezogen. Am Heck weht die deutsche Flagge.
Manfred und Telse Thiessen dick angezogen auf der Yggdrasil unterwegs im englischen Kanal. © Manfred Thiessen

Entlang der belgischen Küste segelte die Yggdrasil zügig nach Dunkerque, dem ersten französischen Hafen. An der Enge bei Dover endet die Nordsee, an Backbord lag das Kap Gris-Nez, an Steuerbord, gerade einmal 30 km entfernt, leuchteten die Klippen von Dover. „Es erinnerte uns an die Straße von Gibraltar, nur ist alles etwas kleiner hier, die Säulen des Herakles für Arme.“ Das Wasser wurde blauer, der Ärmelkanal begann.

Ein nächtlicher Start in Dieppe eröffnete einen längeren Schlag nach Cherbourg. Die Passage von Barfleur verlief bei frischem Wind sportlich, aber kontrolliert. Strom und steile See forderten Boot und Crew („Erbrechen lohnt sich nicht“) – und belohnten mit schnellem Vorankommen.

Bretagne: Sturm, Geduld, Legenden und Mythen

Nach der Straße von Alderney und einer kurzen Pause auf Guernsey tauchte bei Sonnenschein und glasklarer Luft die bretonische Küste auf. Helle Freude, doch dann verkündeten die Wetterfrösche Süd um sieben, später westdrehend, sea state „rough“. Also waren in Roscoff Geduld und Demut gefordert. Manfred und Telse Thiessen gestanden sich ein: Wir sind ein Rentnerehepaar in einer Nussschale.

Eine Yacht mit deutscher Flagge liegt an einem Steg. Die Segel sind eingeschlagen.
Die Yggdrasil von Manfred und Telse Thiessen in St. Peter Port auf Guernsey. Verschnaufen, bevor es weiter geht. © Manfred Thiessen

Als der Wind nach vier Tagen nachließ, ging’s endlich weiter entlang der sagenumwobenen Küste bis Camaret-sur-Mer und durch den Raz de Sein – entgegen aller Warnungen von Revierführern diesmal bei ruhiger See und achterlichem Wind („endlich einmal !“). Keltische Legenden, Artussagen und bretonische Mythen begleiteten die Fahrt gen Süden. Der Golf du Morbihan begeisterte mit seinen Inseln und Ankerbuchten, es gibt zahlreiche Liegemöglichkeiten an Mooringbojen und Schwimmstegen mit Wassertaxi, eine direkte Landverbindung findet man nur selten. 

Doch Termine setzten Grenzen: Die Reise war zunächst nur bis Vannes geplant, einem sicheren Hafen für die Yggdrasil und Bahnanschluss für die Crew. Dort unterbrachen die Theissens ihre Reise, da in der Heimat wichtige Arzttermine anstanden.

Die Loire – architektonische  und meteorologische Grenze

Zurück in der Bretagne, folgte im Juli Inselhopping mit Freunden vor Quiberon: Die Halbinsel Quiberon und die Inseln Belle Ile, Houat und Hoedic bilden eine große Bucht und schirmen sie vor den Unbilden des Atlantiks ab. Geringe Tidenströmung und diverse Häfen, die jederzeit angelaufen werden können, verbinden sich hier mit malerischer Landschaft und zumeist gutem Wetter.

Südlich der Loire veränderten sich dann Landschaft, Architektur („Bis eben waren noch alle Häuser unter schwarzem Schieferdach aus Granitsteinen gemauert, ab hier sind sie verputzt, weiß getüncht und tragen eine Mütze aus roten Tonziegeln“) und das Klima: Sommer war angesagt. In La Rochelle traf die Crew Freunde, erledigte Alltägliches wie Rechnungen überweisen, Winterplatz eintüten, Friseurbesuch absolvieren und genoss einen Ort voller Geschichte.

Eine Yacht mit weißen Segeln segelt auf dem offenen Meer, im Vordergrund einige Felsformationen.
Beeindruckende Aussicht: ein Blick vom Strand auf der Île d’Houat hinaus aufs Meer in der Bucht von Quiberon, © Manfred Thiessen

Die Île d’Oléron weiter südlich war zunächst geprägt durch Wälder, Strände und viel Sumpfland, dem Marais. Doch mit zunehmender Dünung in der südlichen Biskaya wurde die Reiseplanung anspruchsvoller: Flache Hafeneinfahrten und Schwell erforderten Respekt. Dazu der Skipper: „Wir gingen um die Nordspitze von Oleron nach See, die Ebbe bei Springtide beschert brechende See bei einem Meter Dünung, nicht gefährlich, aber eine eindrucksvolle Warnung an den Segler, der sich vielleicht in unbeschwerter Urlaubslaune befindet.“

Das Beste zum Schluss

Die Île de Ré bildete den Schlusspunkt der Reise. Hinter eleganten Fassaden lag mit Saint-Martin-de-Ré einer der schönsten (und teuersten) Häfen der Küste. Umgeben von Vaubans Mauern genossen Manfred und Telse Thiessen hier noch einmal intensiv französisches Flair mit Bistros, Boutiquen und pulsierendem Leben bis in die laue Sommernacht hinein.

Es gab keine Bucket-List, kein Abhaken von Zielen. Nur die Freude über jeden Tag auf dem Wasser – und irgendwann auch die Vorfreude auf das Zuhause. Nach einer Woche Genuss pur segelte die Yggdrasil schließlich nach Rochefort in ihr Winterlager.

In den Köpfen der Thiessens aber begann bereits die Überlegung für die folgende Segel-Saison.