Im Sommer 2023 erfüllte sich für Dr. Thomas Wehner ein lang gehegter Traum. Mit seiner Comfortina 46 „on the rocks“ segelte er auf eigenem Kiel von der Ostsee nach Makaronesien und über den offenen Atlantik zurück. Für diese anspruchsvolle Fahrt wurde der Skipper aus Hannover beim DSV-Fahrtenwettbewerb mit Silber in der Kategorie See/Hochsee ausgezeichnet. Die Reise steht exemplarisch für verantwortungsvolles Hochsee-Segeln, geprägt von guter Vorbereitung, Teamarbeit und der Bereitschaft, sich auf lange Passagen und wechselnde Bedingungen einzulassen.
Die beeindruckenden Landschaften der vulkanischen Inselgruppen im östlichen Atlantik mit den Azoren, Madeira und den kanarischen Inseln hatten es Thomas Wehner vom Hannoverschen Yachtclub angetan. Die Kapverden gehören ebenfalls zu Makaronesien, konnten aus Zeitgründen aber nicht angesteuert werden. Und so verließ seine Yacht „on the rocks“ am frühen Morgen des 6. Mai 2023 die Marina Minde, bei der Rückkehr in die Ostsee am 18. August lagen rund 5.900 Seemeilen und 103 Tage auf See hinter ihm und seinen wechselnden Crews.
Die Reise war bewusst als Hochsee-Projekt angelegt, mit großen Distanzen zwischen den Etappenzielen und mehrtägigen Passagen fernab jeder Küste. Die Route führte entlang der westeuropäischen Küste über die Biskaya nach Portugal bis zur Mündung des Tejo, weiter nach Madeira und zu den Kanaren. Von dort ging es in einem langen Hochseeschlag zu den Azoren-Inseln St. Maria, Sao Miguel und Terceira und anschließend direkt zurück in die Bretagne.
Sorgfältige Vorbereitung war ein zentraler Bestandteil des Vorhabens. Navigation und Dokumentation erfolgten redundant; moderne digitale Systeme und Wetterdaten über Satellit ergänzten klassische Papierseekarten, Fernglas und Handpeilkompass. Besonders zuverlässig erwiesen sich im Laufe der Reise mittelfristige Wetterprognosen, die eine vorausschauende Routen- und Segelplanung ermöglichten.
Bei der Wahl des Reisezeitraums von Mai bis zu einer zeitigen Rückkehr im August und der Streckenwahl von den Azoren direkt zurück nach Frankreich spielte insbesondere das Thema „Orcas knabbern Ruderblätter an“, wie es im Reisebericht formuliert ist, eine Rolle. Zusätzlich zu dieser Vorsichtsmaßnahme erhielt das Ruderblatt der „on the rocks“ rot-weiße Streifen in der Hoffnung, dass die ungewöhnliche Farbgebung die Orcas von ihren Attacken abhalten würden.
„Was immer auch geholfen hat“, sagt der Ingenieur Thomas Wehner, „wir sind unbeschadet und glücklich nach Hause gekommen“.
Herausforderungen für Mensch und Material
Bei einer geloggten Strecke von 5.900 Seemeilen war für Thomas Wehner klar: „Das will ich nicht alleine bewältigen.“ Fünfzehn Mitseglerinnen und Mitsegler unterstützten den Skipper auf den Etappen, unter anderem seine Frau und Tochter, Freunde und Vereinskameraden aus dem Hannoverschen Yachtclub. Für viele war es die erste Erfahrung auf dem Atlantik. Entsprechend intensiv gestaltete sich die Vorbereitungsphase mit unter anderem Rettungsseminaren oder der Anschaffung einer Epirb, einer Notfunkbake.
Trotzdem forderten die Bedingungen Mensch und Material bis an die Grenzen heraus: Hohe, lange Wellen, das stetige Rollen bei achterlichen Winden („auf der Ostsee eher unbekannte Bewegungen“), mehrtägige Wachen und zum Teil hartnäckige Seekrankheit bei einigen Crewmitgliedern verlangten den Beteiligten alles ab. Gerade auf den anspruchsvolleren Abschnitten zeigte sich, wie wichtig klare Abläufe, gute Ausrüstung und ein ruhiges Miteinander in belastenden Situationen sind.
Der härteste und anspruchsvollste Törn-Abschnitt war die Passage von Portugal nach Madeira mit kräftigem Gegenwind und hohem Seegang. Die Crew segelte mit zweitem Reff im Großsegel und der Sturmfock (Cover-Sail). Doch selbst unter dieser stark reduzierten Beseglung sprang die „on the rocks“ über die Wellen und fiel bisweilen in tiefe Löcher, die sich vor allem nachts ohne Ankündigung auftaten. Die heftigen Erschütterungen während der Kreuzkurse gehen dem Skipper in seinen Erinnerungen noch heute durch Mark und Bein.
Stille auf dem Ozean und ein grandioser Sternenhimmel
Andere Etappen hingegen, etwa zwischen den Kanarischen Inseln oder auf dem Weg zu den Azoren, zeigten den Atlantik von seiner freundlicheren Seite. Raume Winde (“Wir näherten uns unserem Ziel wie auf Schienen“), klare Nächte und ein überwältigender Sternenhimmel prägten diese Abschnitte.
„Das Gefühl, nachts unter einem grandiosen Sternenhimmel übers Meer zu segeln, mehrere tausend Meter Wassertiefe unter einem und mehrere hundert Seemeilen entfernt von jeder Zivilisation, ist unbeschreiblich.“ Dr. Thomas Wehner
Gerade auf den Azoren-Inseln erkundeten die Crews die vielbeschriebenen faszinierenden Vulkan-Landschaften Makaronesiens: Wanderungen auf St.Maria, unendliche Hortensien-Hecken, Kraterseen, dampfende Schwefelquellen und Teeplantagen auf Sao Miguel, einzigartige Aussichtspunkte am Rand eingefallener Krater, Baden in natürlichen Felsenbecken im Atlantik und als dramatischer Höhepunkt der Abstieg in einen erloschenen Vulkanschlot auf Terceira.

Und die längste Etappe, die rund 1.200 Seemeilen lange Rückfahrt von den Azoren nach Frankreich, wurde zu einem intensiven Hochsee-Erlebnis: Tage ohne Begegnung mit anderen Schiffen, gleichmäßiger Wind und eine Stille, wie sie nur weit draußen auf dem Ozean zu finden ist. Dazu Thomas Wehner: „Nur das beständige Plätschern der Bug- und Heckwellen drang an meine Ohren. Obwohl wir mit raumen Winden schnell unterwegs waren, erschien es mir, dass die Welt um uns in einer Art lautlosen Kokon steckte.“
Nach der Ankunft in der Bretagne folgte die Rückkehr entlang der Küste in deutlich kürzeren Etappen. Der Druck der langen Distanzen war gewichen, der Blick frei für Häfen, Landschaften und das bewusste Ausklingen einer außergewöhnlichen Reise. Mit jedem Seemeilenstein wuchs das Gefühl, etwas Besonderes abgeschlossen zu haben.
Der Empfang in Marina Minde geriet zu einem kleinen Spektakel. Die Werftleitung von Comfort Yachts hatte es sich nicht nehmen lassen, Skipper und Crew persönlich auf der Flensburger Förde zu empfangen. Geblieben sind die Erinnerungen an eine Reise, die nicht nur über den Atlantik führte, sondern auch einen bleibenden Platz in den persönlichen Segelmemoiren des Skippers einnimmt.
Auf YouTube können ihr euch die Bedingungen auf den Törnabschnitt in einem Video anschauen.