100 Jahre Barther Segler-Verein – ein Spiegelbild deutscher Geschichte

Blick auf die Stadt Barth mit der imposanten Marienkirche und dem Hafen.
Vom Barther Segler-Verein erreicht man in wenigen Minuten zu Fuß das Barther Stadtzentrum mit der großen St.-Marien-Kirche. © BSV

Am Barther Bodden, nur wenige Meilen von Hiddensee, Zingst, den Sundischen Wiesen und Rügen entfernt, liegt der Barther Segler-Verein. Direkt vor dem historischen Stadtzentrum auf einer kleinen Landspitze mit Blick auf die Inseln Kirr und Oie hat der Verein seit 100 Jahren sein seglerisches Zuhause. Der Deutsche Segler-Verband gratuliert zu diesem besonderen Jubiläum. Hier ein Rückblick auf die bewegte Historie des Barther SV, die exemplarisch ein Jahrhundert deutscher Geschichte widerspiegelt.

Wie beim Barther Segler-Verein alles begann…

Im April 1926 gründeten sechs Barther Segler, die in ihrer Freizeit die Boddengewässer und die Ostsee besegelten, auf Anregung ihrer Freunde vom Stralsunder Segler-Verein Hansa einen eigenen Verein. Mit Erfolg und gutem Zuspruch: Aus sechs Gründungsmitgliedern mit zwei Segelyachten und einem Motorboot wurden bis zum Jahresende bereits 30 Mitglieder mit acht Segel- und drei Motorbooten.

Schon ein Jahr später pachtete der junge Verein ein rund 1.800 Quadratmeter großes Gelände auf einer ehemaligen Baggerschuttstelle an der Nordwestseite des Barther Hafens – bis heute der Standort des Vereins. Aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Lage der späten 1920er Jahre musste zunächst auf ein Clubhaus verzichtet werden. Stattdessen entstand ein provisorischer Bootsschuppen, während Versammlungen in den Gaststätten der Stadt stattfanden. Im Hafen lagen Segel- und Motorboote, im Winter kamen Eisschlitten für Fahrten über die zugefrorenen Boddengewässer hinzu.

… und wie es weiter ging: Aufschwung und Kriegsjahre

Anfang der 1930er Jahre erlebte der Verein seine erste Blütezeit. Die Jugendabteilung, damals noch als „Jungmänner“ bezeichnet, entwickelte sich zu einer wichtigen Säule des Vereinslebens. 1932 konnte sie die Taufe einer eigenen 15-m²-Halbrennjolle auf den Namen „Gorch Fock“ feiern.

Ein historisches Bild aus den 40er Jahren mit Seglern vor der Stadt Barth.
Über die Toppen geflaggte Boote der Barther am Seglersteg klar zur Ausfahrt. Die Aufnahme entstand vermutlich 1940/41. © BSV

Regattasport und Fahrtensegeln gehörten von Beginn an zur Vereins-DNA. Der Austausch mit benachbarten Segelvereinen war eng, gemeinsame Regatten fester Bestandteil des Vereinslebens.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. 1933 wurden alle Sportverbände im „Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen“ zusammengeführt. Die beiden kleineren Segelverbände wurden im Zuge der „Gleichschaltung“ dem Deutschen Segler-Verband angegliedert, der Vorsitzende des BSV wurde nun „Vereinsführer“.

Ab 1938 nutzte die Luftwaffe das Vereinsgelände zur Stationierung von fünf Booten, um den Soldaten in Barth die Möglichkeit zum Segeln zu geben. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs ging das Vereinsleben zunehmend zurück, da viele Mitglieder an die Front mussten. Gesegelt wurde dennoch – wenn auch deutlich eingeschränkter als in Friedenszeiten.

Nach Kriegsende beschlagnahmte die sowjetische Besatzungsmacht die verbliebenen Segelboote als Reparationsleistung, der Barther Seglerverein und alle anderen Vereine der Stadt wurden aufgelöst. Zwei Boote konnten versteckt werden – im flachen Bodden und unter einem Kohlehaufen.

Die unmittelbare Nachkriegszeit mit Nahrungsmittelknappheit und existenziellen Sorgen ließ kaum Raum für das Segeln. Viele Mitglieder des BSV waren gefallen, befanden sich in Kriegsgefangenschaft oder waren in die westdeutschen Besatzungszonen geflüchtet.

Neubeginn in der DDR

Mit dem Aufbau der DDR begann ein neues Kapitel. An die Stelle eines 1947 neu gegründeten Segler- und Angler-Vereins traten 1950 die Betriebssportgemeinschaften (BSG) Motor und Lok. Wieder waren es die aktiven Mitglieder, die in gemeinschaftlicher Arbeit Vereinsheim und Hafenanlagen instand setzten.

Bereits Anfang der 1950er Jahre entwickelte sich erneut eine rege Regattatätigkeit. Den Höhepunkt bildete 1955 eine große überregionale Regatta zum 700-jährigen Stadtjubiläum Barths.

Historisches Bild der Sektion Segeln des BSG in Barth von 1989
Die Aufnahme von 1989 zeigt die Segelboote der Sektion Segeln der BSG Motor und Lok in Barth. © BSV

Das Segeln auf der Ostsee fand 1961 durch die Schließung der Seegrenze ein jähes Ende. Um Republikfluchten zu verhindern, beschränkte die DDR den Segelsport massiv. Segeltörns nach Hiddensee, Rügen oder Warnemünde waren plötzlich nicht mehr möglich. Das erlaubte Fahrtgebiet beschränkte sich auf festgelegte Binnen- und Küstengewässer. Nachtfahrten und Ankern auf den Boddengewässern waren untersagt, Barhöft als Grenz- und Zollstützpunkt wurde für Wassersportler tabu. In der gerade erschienenen Vereinschronik wird diese Zeit als ein „drei Jahrzehnte währender Albtraum“ für Ostseeseglerinnen und -segler bezeichnet.

Trotz aller Einschränkungen blieb die Gemeinschaft des BSV intakt. Traditionelle Veranstaltungen wie An- und Absegeln, Pfingstwettfahrten und die Bundes-Ostseewoche stärkten den Zusammenhalt. Seit 1972 wurde der Nachwuchs in einer eigenen Kinder- und Jugendgruppe organisiert und ausgebildet.

Das Bild im Hafen veränderte sich im Laufe der Jahrzehnte: Neben den traditionellen hölzernen Jollenkreuzern lagen zunehmend kleinere Motorboote aus Stahl an den Stegen.

Fahrtenseglertreffen der DDR in Barth
Barth war mehrfach Schauplatz der Zentralen Fahrtenseglertreffen Küste, zu dem über 500 Seglerinnen und Segler kamen. © BSV

Große Bedeutung für den Verein und die gesamte Region hatten die Fahrtenseglertreffen des Bundes Deutscher Segler der DDR. Zwischen 1972 und 1988 fanden fünf dieser Veranstaltungen in Barth statt. Mehr als 200 Schiffe mit über 500 Seglerinnen und Seglern kamen dabei zusammen und feierten gemeinsam an Bord und auf dem großen Gelände.

Aufbruch nach der Wiedervereinigung

Mit der politischen Wende 1989/90 veränderte sich das Vereinsleben noch einmal massiv. Am 4. Juli 1990 erfolgte auf einstimmigen Beschluss der Mitglieder die Rückbenennung der BSG Motor Sektion Segeln in Barther Segler-Verein.

Gleichzeitig entdeckten Seglerinnen und Segler aus ganz Deutschland die bislang wenig bekannten Reviere Mecklenburg-Vorpommerns. Von Barth aus waren nun Törns nach Polen und Skandinavien möglich. Der Hafen erlebte einen beispiellosen Zustrom von Gastliegern, die die neue Freiheit auf der Ostsee genießen wollten.

Die Kehrseite dieser Entwicklung war der Verlust einiger Traditionen. Das in der DDR vom Bund Deutscher Segler initiierte Zentrale Fahrtenseglertreffen Küste gab es nicht mehr, eine Wiederbelebung als reines Landesfahrtenseglertreffen auf Anregung des Segler-Verbandes Mecklenburg-Vorpommern scheiterte am geringen Interesse.

Regattasport und Nachwuchsförderung

Auch die Regattatätigkeit gewann an Bedeutung, der BSV entwickelte sich zu einem der wichtigsten Veranstalter nationaler und internationaler Regatten der Region, oft in Kooperation mit den umliegenden Vereinen.

Congerjollen vor der großen Kirche der Stadt Barth.
Der Barther Segel-Verein richtete dreimal für die Conger-Klasse die deutsche Meisterschaft aus. © BSV

Maßgeblich unterstützt wurde die Entwicklung durch Klaus Krogmann, damaliger Leiter des DSV-Wettsegelausschusses und Geschäftsführer des Hamburger Segel-Clubs. Sein Engagement bei der Ausbildung von Regattafunktionären und Schiedsrichtern trug wesentlich dazu bei, dass zwischen 1994 und 2009 insgesamt 18 Deutsche und Internationale Meisterschaften sowie Europa-Cups in Barth ausgetragen werden konnten.

Zudem gehörte der BSV zu den ersten Vereinen Deutschlands, die die aus Skandinavien stammende Jugendklasse Zoom8 förderten. 2005 richtete er die Weltmeisterschaft dieser Klasse aus, die inzwischen regelmäßig zum Programm der Warnemünder Woche gehört.

Mehrere Jollen vom Typ Zoo, 8 vor der Kirche der Stadt Barth.
2005 richtete der Barther Segler-Verein die Weltmeisterschaft der Jugendklasse Zoom 8 aus. © BSV

Die Nachwuchsarbeit blieb jedoch eine Herausforderung. Zwar wurden in den 1990er Jahren viele Kinder und Jugendliche ausgebildet, doch wechselten viele von ihnen zeitweilig zur neu gegründeten Segler-Vereinigung Barth-Borgwall. Später kehrte der Großteil der Jugendabteilung wieder zum BSV zurück. Wiederholt erschwerten jedoch Wegzüge von Trainern und Ausbildern die kontinuierliche Jugendarbeit.

Um die Ausbildung langfristig zu verbessern, wurde 2006/07 mit Hilfe einer Förderung durch die Euroregion Pomerania (EU) in Höhe von 900.000 Euro das Jugend- und Freizeitzentrum Barth auf dem Vereinsgelände errichtet. Aufgrund zu spät entdeckter Baumängel ist die jedoch Einrichtung seit 2024 geschlossen. Der Verein plant nun, das im Bilanzvermögen der Stadt eingetragene Gebäude zu kaufen, zu sanieren und wieder in Betrieb zu nehmen.

Um dennoch Segelkurse anbieten zu können und damit den Nachwuchs des Vereins zu sichern, kooperiert der Verein inzwischen mit dem Segelcenter Müritz. Die Ausbilder dieser DSV-lizenzierten Segelschule kommen für die Unterrichtsstunden nach Barth und vermitteln fundierte Segelkenntnisse, mit denen auch die nächste Generation von Barth aus die reizvollen Ziele der deutschen Ostseeküste unter Segeln erkunden kann.

Inklusion und gesellschaftliches Engagement

Auch im Bereich Inklusion nahm der BSV früh eine Vorreiterrolle ein. Bereits seit sechs Jahren ermöglicht er Menschen mit körperlichen Einschränkungen das Segeln auf inklusiven Hansa-303-Kieljollen.

Seit 2020 beteiligt sich der Verein gemeinsam mit der Stadt Barth am internationalen EU-Projekt „Baltic for all“. Ziel des Projekts ist es, Menschen mit besonderem Förderbedarf den Zugang zum Segeln zu ermöglichen. Segeltörns nach Polen und Litauen gehören dabei ebenso zum Programm wie Angebote vor Ort.

Der BSV heute

Der Hafen des Barther Seglervereins hat über die Jahrzehnte nichts von seiner Attraktivität verloren. Mittelpunkt des Vereinslebens ist das 1985 grundsanierte und 2005 komplett umgebaute Clubhaus.

Die Vereinsgaststätte „Vinetablick“ wird seit 1991 von der Familie Schottenhammel und Kultgastronom „Moppi“ betrieben. Aus der einstigen Seglerkantine ist das wohl bekannteste Restaurant der Stadt und ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Gäste geworden.

Die Gaststätte Vinetablick in Barth.
Das Restaurant „Vinetablick“ ist eine nicht nur bei Seglerinnen und Segler beliebte Institution in Barth. © BSV

Zentraler Treffpunkt neben der Gaststätte ist der neue, große Bootsschuppen, der „Schipperschuppen“, der für verschiedene Veranstaltungen und zur Durchführung von Trainingslagern genutzt wird. Hier findet auch das große Fest zum 100-jährigen Jubiläum des Vereins statt.

Der neu gebaute Schipperschuppen des Barther Segler-Vereins.
Der neu gebaute Schipperschuppen bietet viel Platz für Veranstaltungen und Trainingsgruppen. © BSV

Das Vereinsleben hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Während früher große Seglerbälle gesellschaftliche Höhepunkte waren, stehen heute die Jahreshauptversammlung, das gemeinsame Kranen der Boote im Frühjahr und Herbst sowie die beliebten Weihnachtsfeiern im Mittelpunkt.

Liegeplatzeigner müssen sich auch heute noch an Pflege und Unterhalt der Anlagen über entsprechend den Bootsgrößen zu leistenden Beiträgen und gemeinschaftliches Engagement beteiligen – auch wenn sie nicht direkt in Barth leben, sondern nur am Wochenende oder in den Ferien ihre Schiffe nutzen.

Idyllisch am Steg des Barther Segler-Vereins gelegene Yachten.
Der Barther Segler-Verein liegt direkt vor dem historischen Zentrum der Stadt auf einer kleinen Landspitze. © BSV

Um zu vermeiden, dass der Verein zunehmend überaltert und überwiegend für Seglerinnen und Segler mit Interesse an einem Liegeplatz mit Ostseezugang attraktiv ist, stehen im Barther Segler-Verein die Weichen auf Erneuerung.

Es gilt, junge Erwachsene und Familien für den Verein zu begeistern, um mit mehr Manpower wieder Leben in den Verein zu bringen, Meisterschaften und Regatten zu veranstalten und die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen für das Regattasegeln zu wecken.

Das ist der Barther Segler-Verein

Der Barther Seglerverein liegt direkt in der Hafenstadt Barth im Zentrum der westlichen Vorpommerschen Boddenlandschaft. Rund 140 aktive und fördernde Mitglieder gehören dem Verein an. Das etwa 7.000 Quadratmeter große Vereinsgelände mit Clubhaus befindet sich am Westhafen. Der Verein besitzt 40 Liegeplätze an der Pier, am festen Steg sowie am Schwimmsteg. Dazu gibt es 20 Gastliegeplätze. Die Liegeplätze sind mit Wasser- und Stromanschlüssen ausgerüstet. Nach dem Anlegen melden sich die Gäste unkompliziert in der Clubgaststätte an. Die Altstadt von Barth ist vom Hafen aus in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar. Sollte kein Gastliegeplatz verfügbar sein, stehen in unmittelbarer Nachbarschaft der städtische Yachthafen sowie mehrere Marinas mit weiteren Liegeplätzen zur Verfügung.

Adresse: Am Westhafen 15, 18356 Barth; E-Mail: [email protected] ; Website: https://www.barther-seglerverein.de/

Viele Yachten an einem Bootssteg.
Der Verein hat 40 Liegeplätze an der Pier, am festen Steg sowie am Schwimmsteg. Dazu gibt es 20 Gastliegeplätze. © BSV