Baltische Segler-Vereinigung Berlin: Das Erlebnis verbindet

47 Jollen und Kielboote, 150 Mitglieder, 1.000 tolle Erlebnisse, Kinder- und Jugendarbeit, Sport und Erholung, Ausbildung – das ist die Baltische Segler-Vereinigung Berlin am Wannsee. Und seit 2023 gehört das inklusive Segeln dazu.

Wie alles begann

2023 fanden in Berlin die Special Olympics World Games statt. Das weltweit größte inklusive Sport-Event für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung setzte ein starkes Zeichen für Inklusion im und durch den Sport und begeisterte viele Menschen in aller Welt und in Berlin. So auch die Segelnden der Baltischen Segler-Vereinigung. Die Segelwettbewerbe liefen beim Verein Seglerhaus am Wannsee, direkt neben der Steganlage der Baltischen Segler-Vereinigung. „Das gab den Anstoß, auch in unserem Verein Segeln für Menschen mit und ohne Behinderung anzubieten“, sagt Christoph Kant, in der Segler-Vereinigung zuständig für das inklusive Segeln. Der Funke der Spiele sprang über auf die Vereinsgemeinschaft und in Kooperation mit der Peter-Frankenfeld-Schule in Berlin-Lankwitz, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, entstand 2023 das erste dreitägige „Projekt Segeln“.

Die Herausforderungen – am Ende alles lösbare Probleme

Was sich so einfach anhört, erforderte von allen Beteiligten viel Engagement. Da war und ist es von Vorteil, dass Vereinsmitglied Christoph Kant nicht nur Segler, sondern auch Lehrer an der Peter-Frankenfeld-Schule ist und Erfahrung im Umgang mit inklusiven Projekten hatte. „Ja, das hilft natürlich“, sagt er, „der übergeordnete Punkt ist, dass Ängste auf allen Seiten abgebaut werden konnten: bei den Vereinsmitgliedern Berührungsängste und bei den Betreuerinnen und Betreuern die Angst vor der unbekannten Sportart.“

Da in der Peter-Frankenfeld-Schule überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendliche mit schweren geistigen Behinderungen unterrichtet werden, war klar: Der Verein konnte keinen Segelkurs im klassischen Sinne anbieten, es ging erst einmal nicht darum, Wenden und Halsen zu lernen. Im Vordergrund stand und steht vielmehr das Erlebnis auf dem Wasser und die Begegnung miteinander.

Zunächst mussten jedoch Skipperinnen und Skipper gefunden werden, die ihre sicheren Kiel- oder Schwertboote mit viel Platz und Festhaltemöglichkeiten an Bord zur Verfügung stellen, und natürlich Helferinnen und Helfer. Am Ende kamen eine Hansa-Jolle, eine BM-Jolle, eine Seezunge (Typ A) eine Saffier 6.5 und eine Deltania 20.5 zum Einsatz – „ganz normale Boote also, die nicht explizit für das inklusive Segeln konzipiert sind“, sagt Christoph Kant. 

Herausforderung Nummer zwei: Berührungsängste. Wie kommuniziere ich an Bord mit einem Menschen, der durch geistige Beeinträchtigungen nur schwer verständlich oder gar nicht sprechen kann? Eine Frage, die mit großer Unsicherheit verbunden ist, „und die sich verständlicherweise viele im Verein gestellt haben“, sagt Christoph Kant. Aufklärung vorab und ausreichend erfahrene Begleiterinnen und Begleiter auf dem Boot, die die Kinder und Jugendlichen  kennen und ihre Reaktionen einschätzen können, lösten auch dieses Problem. Die Skipper konzentrierten sich zunächst auf das Steuern und weniger auf die Reaktionen der Segelanfängerinnen und -anfänger an Bord. Und für Notfälle waren alle Boote mit einem Motor ausgestattet.

Die Situation heute – Freude auf dem Wasser und individuelle Fortschritte

Inzwischen hat die Baltische Segler-Vereinigung drei Projektwochen in dieser Form durchgeführt. Einige Schülerinnen und Schüler waren dreimal mit dabei und „haben enorme Fortschritte gemacht“, erzählt Christoph Kant. Fortschritte, die sehr individuell sind. Da ist zum Beispiel ein Mädchen, das anfangs große Angst zeigte, überhaupt einen Fuß an Deck zu setzen. Bei der dritten Veranstaltung wollte sie nicht mehr auf das vertraute Boot, sondern selbstbewusst ein anderes ausprobieren. Und da ist der Junge, der nach kurzer Eingewöhnung die Pinne führen konnte und „so eine große Portion Selbstvertrauen gewonnen hat“.

Ein junges Mädchen mit geistigem Handicap freut sich an Bord eines Segelbootes. Sie wird von einer vertrauten Betreuerin begleitet.
Anfangs hatte das junge Mädchen Angst, überhaupt an Bord zu gehen. Am Ende einiger Segeleinheiten war die Begeisterung groß. Eine vertraute Betreuerin begleitete sie. © C. Kant/Baltische Segler-Vereingung

Diese ganz individuellen Leistungen erkennen und als solche auch anzuerkennen – eine Erfahrung, die bei vielen Mitgliedern der Baltischen Segler-Vereinigung zum Umdenken geführt hat: Es muss nicht immer um sportliche Erfolge oder um schnelles Wenden und Halsen gehen. Das individuelle Erlebnis steht im Vordergrund. Christoph Kant dazu: „Das kann dann einfach auch mal heißen: Ich tauche meine Hand beim Segeln mutig ins Wasser und freue mich über die Wellen.“ 

Das inklusive Segeln ist inzwischen etabliert in dem Verein am Wannsee. Die Berührungsängste vor dem Kontakt mit geistig beeinträchtigten Menschen sind verschwunden, private Eignerinnen und Eigner stellen weiter ihre Boote zur Verfügung oder bringen sich mit spontanen Bauaktionen für eine Treppe aus Brettern und Bierkästen ein. Für die letzte Projektwoche baute Christoph Kant aus einem ausrangierten KettCar-Sitz einen passenden Sitzplatz für einen schwer mehrfach behinderten Jungen – damit auch er mitsegeln konnte.

Das Foto zeigt einen ausrangierten KettCar-Sitz, der an Deck eines Bootes festgeschraubt. Darauf kann ein Mensch mit schweren Behinderungen sicher sitzen und so mitsegeln.
Schwieriges Problem, einfache Lösung: Der ausrangierte KettCar-Sitz wurde an Deck festgeschraubt, so dass ein Junge mit starken Behinderungen gesichert mitsegeln kann. © C. Kant/Baltische Segler-Vereingung

Tipps zum Schluss

Alle Kinder und Jugendlichen mit geistigen Beeinträchtigungen mitnehmen zu wollen, ist eine Herausforderung. Es erfordert ein grundsätzliches Umdenken, was sportliches und oft wettbewerbsorientiertes Segeln angeht. Doch der Weg lohnt sich. Denn diesen Menschen zu begegnen, mit ihnen zu segeln und Erlebnisse auf dem Wasser zu teilen, ist etwas ganz Besonderes. Und die meisten Probleme auf dem Gelände (Thema Barrierefreiheit) und in den Booten lassen sich in der Begegnung mit geistig eingeschränkten Menschen ohne perfekte Ausstattung lösen.

Ansprechperson Inklusives Segeln Baltische Segler-Vereinigung Berlin

Christoph Kant
Am Großen Wannsee 20
14109 Berlin
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www.baltsv.de