Vom 25. September bis zum 4. Oktober gastiert auf Sylt der Windsurf World Cup der Professional Windsurfers Association (PWA). Als Weltranglisten-Führende in der Welle geht die Kielerin Lina Erpenstein (Surf Club Kiel) am Brandenburger Strand vor Westerland an den Start. Im Interview berichtet die 29-jährige Vize-Weltmeisterin von 2024 von ihrem Weg zurück an die Weltspitze nach Verletzungspech und wie es ihr gelang, ihre sportliche Karriere mit dem Medizinstudium zu kombinieren.
Lina, beim letzten World-Cup-Event auf Teneriffa im August bist du Zweite geworden und hast dich damit auf Rang eins der Weltrangliste geschoben. Was bedeutet das für dich?
Das bedeutet mir sehr viel. Es macht mich glücklich zu zeigen, dass ich wieder da bin und auf höchstem Level mithalten kann. Seit mehr als zehn Jahren bin ich im Wave-Worldcup unterwegs; 2024 war ich Vize-Weltmeisterin und hatte für 2025 natürlich große Pläne. Mein Medizinstudium war abgeschlossen, ich wollte alles geben und voll durchstarten. Doch dann kam das Event in Chile, die starke Verletzung am Lisfranc-Gelenk im Fuß im Halbfinale und die Zwangspause.
Umso beeindruckender der Auftritt jetzt in Teneriffa bei herausfordernden Bedingungen mit hohen Wellen und viel Wind. Sarah-Quita Offringa, die amtierende Weltmeisterin, bedankte sich bei dir mit den Worten: „Wie gut, dass du wieder da bist, du hast mich aus meiner Komfortzone geholt.“
Ja, Teneriffa hat mir wirklich Mut gemacht. Die beste Windsurferin aller Zeiten wird von mir aus ihrer Komfortzone gepusht – das sehe ich schon als Kompliment. Aber ich will auch realistisch sein. Es ist noch alles offen im Hinblick auf den WM-Titel. An zwei liegt Maria Behrens aus Lübeck, dahinter die Französin Marine Hunter, Sol Degriek aus Belgien und dann Sarah-Quita. Und es stehen noch Sylt, Maui und Chile auf dem Plan. Am Ende kommen die vier besten World-Cups in die Wertung.
In der World-Cup-Berichterstattung, den Social-Media-Kanälen und auf Fotos entsteht der Eindruck: Ihr seid so etwas wie eine große Familie. Gibt es diesen Community-Vibe wirklich?
Ja, total. Windsurfen ist eine kleine Sportart, Wave-Windsurfen ist noch kleiner. Und noch viel kleiner ist das Wave-Windsurfen der Frauen. Wir kennen uns seit Jahren. Auf dem Wasser gibt es Konkurrenz, klar. Es geht ja um etwas. Aber an Land sind wir eine Gemeinschaft. Wir wohnen zusammen, wir feiern, wir reisen zusammen und helfen uns, wo es geht. Diese Sportart hat etwas mit einem bestimmten Lebensstil zu tun und zieht bestimmte Persönlichkeiten an, abenteuerlustige Menschen, offene Menschen – wir haben eine gemeinsame Basis. Und ich bin dankbar, Teil dieser Gruppe von starken Frauen zu sein, die sich mutig unter extremen Bedingungen raustrauen aufs Wasser.
Spaß in der Community, ja. Aber professionelles Windsurfen bedeutet auch viel harte Arbeit. Kannst du davon leben?
Nein, davon kann ich nicht leben, obwohl ich ganz oben dabei bin. Ich komme irgendwie über die Runden. Unter anderem deshalb habe ich parallel Medizin studiert – weil das Windsurfen kein langfristiger Karriereplan ist. Ich muss aber auch sagen, dass die Kombination aus Studieren und Windsurfen für mich immer super funktioniert hat. Auf der einen Seite die körperliche Herausforderung und das Abenteuer, auf der anderen Seite die kognitive Herausforderung: immer wieder Neues lernen. Wenn ich viel studiert habe, war ich unglaublich dankbar, wieder aufs Wasser zu gehen. Und umgekehrt. Das war und ist immer wieder erfüllend für mich. In diesem Jahr habe über den Winter gearbeitet, bin jetzt gerade aber komplett auf die Wettkämpfe konzentriert.
Wer unterstützt dich denn auf der Tour und bei den Wettkämpfen?
Da ich nicht im olympischen iQFOiL unterwegs bin, war ich in keinem Kader und von Beginn an auf mich selbst gestellt. Training, Reiseorganisation, Physiotherapie, Sponsorensuche, Medienauftritte – das gehörte für mich immer alles dazu, ab Minute eins. Ich musste mir viel erarbeiten, neben den Skills auf dem Wasser. Der Start war schwierig.
Lina Erpenstein – die One-Woman-Show?!
Am Anfang schon, aber im Laufe der Jahre hat mich das als Sportlerin und Persönlichkeit auch stark gemacht. Inzwischen habe ich viele Menschen an meiner Seite, die mich als Sponsorinnen und Sponsoren auf allen Ebenen stützen. Oft sind das auch passionierte Windsurf-Fans. Da gibt es zum Beispiel mit meinem Teamkollegen Dieter van der Eyken einen Coach, in Kiel unterstützt mich ein Sportstudio, unterwegs begleiten mich verschiedene Physios. Einfach, weil sie alle es cool finden, was ich auf die Beine stelle. Dafür bin ich unendlich dankbar
Das ist manchmal aber schon herausfordernd?
Ja, das ist es. Aber dieser Weg gibt mir auch eine Form von Freiheit, die du als Sportlerin oder Sportler in einer starken Infrastruktur eben nicht hast. Ich musste mich also nie für Kaderplätze klassifizieren.
Welchen Weg würdest du jungen Menschen empfehlen, um ins Windsurfen einzusteigen?
Viele Wege führen nach oben. Viele heute erfolgreiche Windsurferinnen und Windsurfer haben die Basics von den Eltern, Verwandten oder Freunden gelernt und waren dann auf sich selbst gestellt. Doch grundsätzlich denke ich: Die Vereinsstruktur gerade bei uns in Deutschland bietet sehr gute Möglichkeiten, sich die Grundlagen anzueignen, Gleichgesinnte zu treffen und von dort aus die verschiedenen Disziplinen auszutesten. Da kommen dann irgendwann auch Camps oder Clinics ins Spiel, wo du Leute triffst, die womöglich auch ihr Leben mal mehr, mal weniger nach den Wind- und Wellenbedingungen ausrichten.
Lina, wir danken für das Gespräch und wünschen viel Erfolg auf Sylt und bei den weiteren Tour-Stopps 2026.