Herzlichen Glückwunsch, Jürgen Schwittai! Als erster Vertreter des Segelsports wurde der Münsteraner mit dem „Classification Recognition Award“ des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) ausgezeichnet.
Mit dem „Classification Recognition Award“ ehrt das IPC Persönlichkeiten, die sich in der Weiterentwicklung der Aktiven-Klassifizierung im Para-Sport verdient gemacht haben. Als einer von fünf Preisträgerinnen und Preisträgern nahm Jürgen Schwittai die Auszeichnung am 24. Oktober in Bonn entgegen. „Ich habe nicht damit gerechnet und mich sehr gefreut“, sagt Schwittai. „Nicht nur für mich, auch für meine Klassifizierer-Kolleginnen und -Kollegen aus dem Segelsport bedeutet der Preis eine große Wertschätzung“.
Seit über 30 Jahren ist Jürgen Schwittai weltweit ehrenamtlich als Klassifizierer im Einsatz. Er hat selbst ein Handicap: 1978 verlor er bei einem Motorradunfall sein rechtes Bein und seinen rechten Arm. Nach Genesung und Reha schenkte ihm seine Familie einen Gutschein für einen Segelkurs am Aasee in Münster. Von dort aus war es nicht weit bis zum Segel-Club Münster, der Anfang der Achtzigerjahre inklusives Segeln in der „Versehrten-Sparte“ anbot. Schnell begeisterte sich Schwittai für das Regattasegeln, wurde 1991 erstmals Deutscher Meister im Crew-Boot segelte auch international vorne mit. Als praktizierender Arzt kam er mit den Klassifizierern des Weltsegelverbandes in Kontakt, seit 1995 ist er bei World Sailing im Team der Klassifizierer.

Worum geht es beim Klassifizieren? Jürgen Schwittai erklärt es so: „Es geht darum, festzustellen, ob Seglerinnen und Segler den Behinderungsgrad haben, der es erlaubt im Parasegeln teilzunehmen und Gruppen zu finden, deren Handicap sich in etwa gleich auf die Ausübung des Sports auswirkt. So wie die Gewichtsklassen beim Boxen.“ Diese Struktur ermöglicht es Athletinnen und Athleten mit unterschiedlichen Arten und Graden von Beeinträchtigungen, auf internationalem Niveau fair und gerecht gegeneinander zu segeln. Dabei könne das System nie perfekt sein, so Jürgen Schwittai, der die verschieden Klassifizierungssysteme beim Para-Segeln über die Jahre mitentwickelt hat und kontinuierlich weiterentwickelt. „Man lernt von Version zu Version dazu.“
Beim IPC arbeitete er von 2015 bis 2023 im IPC Classification Comittee an der Entwicklung des neuen IPC Classification Code mit, der die Rahmenrichtlinien für die Klassifizierungssysteme aller paralympischen Sportarten festlegt.
Aktuell arbeitet Jürgen Schwittai in verschiedenen Arbeitsgruppen an einem Herzensprojekt: 2032 soll Segeln wieder bei den Paralympics vertreten sein. Für die Bewerbung von World Sailing übersetzen Schwittai und seine Mitstreiter gerade den neuen Classification Code des IPC in Kriterien für das Para-Segeln. Bis zum Bewerbungsschluss Mitte Dezember ist noch viel zu tun.
Zwar war er selbst als Aktiver nicht bei den Paralympics – aber an einer deutschen Goldmedaille hat Jürgen Schwittai dennoch einen gewissen Anteil. 2005 hörte er, dass die erfolgreiche deutsche Sonar-Crew um Jens Kroker ein Crewmitglied suchte. Sofort dachte er an einen seiner Patienten: Sehr athletisch, ehrgeizig, nach einem Unfall beinamputiert. Er stellte den Kontakt zur Crew her. Mit Erfolg: Drei Jahre später holte sein Patient Siegmund Mainka mit Jens Kroker und Robert Prehm in Peking paralympisches Gold.
Egal, wie die Entscheidung des IPC ausfällt: Jürgen Schwittai wird sich weiter für das Parasegeln und das inklusive Segeln einsetzen. In seinem Heimatclub am Aasee ist er Obmann der Inklusionsgruppe. Segeln ist für ihn die inklusive Sportart schlechthin: „Bei Inklusions-Regatten starten oft Menschen mit sehr unterschiedlichem Grad der Behinderung – doch in den Ergebnissen spielt das Handicap keine große Rolle, weil der Regattaerfolg von vielen Faktoren wie Segelverständnis, taktischer Klugheit und Erfahrung abhängt. Zudem kann fast jede Behinderung mit Adaptionen am Boot ausgeglichen werden. Es ist tatsächlich so: Beim Segeln bleibt die Behinderung an Land. Unser Sport ist offen für alle!“