Boris Herrmann: Die (heimliche) Hoffnung aufs Podium

In den vergangenen Tagen hat Boris Herrmann bei der Vendée Globe eine beeindruckende Aufholjagd gestartet. Nur noch 80 Meilen trennen ihn am Donnerstag-Nachmittag (14.1.) von dem Führenden Charlie Dalin, rund 60 Meilen fehlen zu einem Podiumsplatz. Und stündlich schafft es der aktuell an fünfter Position des Weltrennens liegende Skipper, den Abstand weiter zu verkürzen. Bei der wöchentlichen Zoom-Pressekonferenz mit deutschen Journalisten zeigte sich Boris Herrmann sichtlich zufrieden, verriet aber auch, dass die Anspannung noch immer immens ist.

Was ist denn mit Boris Herrmann passiert? Man sieht ihm an, dass er sich in wärmeren Regionen befindet, anstelle des dicken rot-weißen Wollpullovers, der bei seinen Fans fast schon Kultstatus hat, trägt der nun ein schwarzes T-Shirt. Sonne scheint ihm zuweilen in sein frisch rasiertes Gesicht. Es sieht so aus, als würde er den „Flug“ über den Atlantik und die erfolgreiche Aufholjagd mit seinem foilenden Imoca „Seaexplorer Yacht Club de Monaco“ genießen.

Doch ganz so entspannt, wie es scheint, ist die Lage an Bord doch nicht. Auch wenn es mit der Yacht derzeit keine technischen Probleme gibt und Boris sich glücklich schätzen kann, nach einer so langen Distanz von über 23.000 Seemeilen noch alle Segel nutzen zu können, ist er rund um die Uhr maximal angespannt. Grund dafür sind die aktuell inkonstanten Windbedingungen, zwischen 15 und 25 Knoten ist innerhalb weniger Minuten alles möglich. Da heißt es für den Skipper wachsam sein, immer ein Ohr auf die Instrumente haben und darauf achten, dass das Schiff nicht überpowert wird. Die Bedingungen auf See sind nach Aussage von Boris Herrmann härter und anstrengender als gedacht, dass Schiff gleitet nicht ruhig und gleichmäßig dahin, sondern es gehen harte Schläge durch den Rumpf.

„Der Unterschied zu einer normalen Yacht mit Schwertern ist, dass eine foilende Yacht keinen Sonnenschuss macht, wenn der Druck zu stark wird“, erklärte Boris Herrmann. „Auf seinen Foils wird das Schiff einfach immer schneller bis etwas kaputt geht.“

Doch der 39-Jährige kann mit einem leichten Grinsen nicht verhehlen, wie sehr er sich freut, dass ein Platz auf dem Podium – wenn nicht gar der Gesamtsieg – derzeit in greifbarer Nähe ist: „Chancen auf den Sieg bestehen definitiv“, sagt er fast übermütig. Und fügt später relativierend dazu: „Es ist nicht der Skipper, der für die Geschwindigkeit des Boots verantwortlich ist, bis zu 99 Prozent sind es die Leistung des Bootes, des Autopiloten und der Computersysteme.“

Der Blick auf das aktuelle Ranking zeigt, dass sich in den letzten Tagen viel getan hat. Innerhalb einer Woche hat sich Boris Herrmann von Platz 11 wieder ins Spitzenfeld vorgearbeitet. Dagegen musste die Deutsch-Französin Isabell Joschke, nach dem frühzeitigen Ausscheiden vom Samantha Davies beste Skipperin im Rennen, nach Problemen mit der hydraulischen Kielaufhängung aufgeben.  Am bittersten ist die Neusortierung des Feldes mit Eintritt in den Atlantik für Yannick Bestaven. Nachdem er lange Zeit das Rennen angeführe, ist er nun auf den sechsten Platz abgerutscht, knapp acht Meilen trennen ihn derzeit von Boris Herrmann. „Dieses Phänomen, dass die Rückfahrten auf dem Atlantik das Renngeschehen noch einmal auf den Kopf stellen und die Strecke für viele zur Überholspur wird, hatten wir schon in den letzten Rennen“, sagte Boris Herrmann. Und fügte hinzu, dass es auch zu erwarten war, dass Charlie Dalin mit seinem neuen, mit großen Foils ausgestatteten Schiff „Apivia“ nun deutlich schneller ist als Yannick Bestaven auf seinem vergleichsweise alten Schiff „Maitre Coq IV“.

Noch rund 4.150 Meilen trennen Boris Herrmann vom Ziel in Les Sables d’Olonne. Läuft alles gut, wird er am 27. Januar über die Ziellinie gehen. Bis dahin muss er noch ein weiteres Mal den Äquator passieren, die Flaute der innertropischen Konvergenzzone überstehen und sich durch das derzeit heftige Tief auf dem Nordatlantik über die Biskaya quälen. „Vor allem in den flauen Doldrums könnte es sein, dass ich noch einmal punkten kann, während die vor mir liegenden schon in der Flaute sind“, schilderte Boris Herrmann. Die leise Hoffnung, dass es für ihn zu einem Platz auf dem Podium oder gar dem Sieg in diesem Weltrennen reicht, schwang immer in seinen Worten mit. Und doch betonte er, dass er gerade in dieser Phase des Rennens nicht zu leichtsinnig werden und keine unnötigen Risiken eingehen werde. Anzukommen und als erster deutscher Segler dieses oft als „Mount Everest der Solosegler“ bezeichnete Rennen gemeistert zu haben ist noch immer sein oberstes Ziel.